Aktivieren für Gewerkschaften

Organizing und Campaigning an Hochschulen

Aktivierung und Organisierung an Hochschulen hat für gewerkschaftliche Arbeit großes Potenzial. Das weiß auch Pit Kunkel, der für den Berater*innenkreis ORKA bundesweit mit Beschäftigten an dem Thema arbeitet. Bei der Klausurtagung der Hochschulinformationsbüros der GEW NRW diskutierte er in seinem Workshop, wo Organizing und Campaigning im Hochschulleben zum Einsatz kommen können.
Aktivieren für Gewerkschaften

Pit Kunkel in Aktion mit Gewerkschater*innen. Foto:ORKA

GuW: Als Organizer und Campaigner unterstützt und berätst du gewerkschaftlich Aktive. Was genau ist dein Job?

Pit Kunkel: Als Teil des Berater*innenkreises ORKA – Organisierung & Kampagnen arbeite ich gemeinsam mit gewerkschaftlich Aktiven, mit Ehrenamtlichen sowie Hauptamtlichen, am Auf- und Ausbau von Gewerkschaft im Betrieb. ORKA ist dabei in Organisierungs-, Mobilisierungs- und Druckkampagnen beratend, unterstützend und durchführend tätig. Wir setzen unter anderem darauf, konkrete Beteiligungsmöglichkeiten für gewerkschaftlich Aktive und solche, die es werden möchten, zu schaffen. Daher arbeiten wir aktionsorientiert. Organizing und Campaigning bringt als konflikt- und beteiligungsorientierter Ansatz hierfür die richtige Grundhaltung mit sowie ein ganzes Set von Techniken und Methoden.

Und welche Methoden und Techniken werden dabei angewendet?

Organizing setzt bei den Themen der Beschäftigten an und beinhaltet unterschiedliche Elemente und Methoden aus Kampagnenplanung, Mobilisierungstechnik und strategischer Gesprächsführung. Ein wesentlicher Bestandteil ist das persönliche Gespräch. Die potenziellen Mitglieder werden in strategischen Kampagnen durch bewusste Einbeziehung in die Auseinandersetzung mit dem Arbeitgeber aktiviert. Im Zuge dessen sollen sie als Gewerkschaft im Betrieb langfristig zur selbstständigen Interessenvertretung befähigt und ermächtigt werden.

Worin unterscheidet sich Organizing von klassischer Gewerkschaftsarbeit?

Im Wesentlichen in der Haltung. In Abgrenzung zum Service- oder Stellvertretungsmodell von Gewerkschaft setzt Organizing auf Empowerment von Beschäftigten. Das bedeutet, es muss vor allem eine Rollen- und Haltungsänderung stattfinden. Die neue Aufgabe heißt, einen Prozess inklusive Beteiligungsmöglichkeiten zu organisieren, in dem die Beschäftigten selbst in den Dialog oder Konflikt mit dem Arbeitgeber treten, um als Gewerkschafter*innen ihre Arbeitsbedingungen zu verbessern. ORKA geht davon aus, dass sich Service und Organisierung nicht ausschließen, sondern in einem Ergänzungsverhältnis zueinander stehen können.

Wo und wie könnte die Erfahrung aus dem betrieblichen Organizing auch für die Beschäftigten an Hochschulen und in der Studierendenarbeit Früchte tragen?

Die Hochschule ist ein weites Feld mit vielen handelnden politischen Akteur*innen. Organizing stellt Tools zur Verfügung, zum Beispiel die Betriebslandkarte, mit denen ich mir dieses Feld erschließen und vor allen Dingen runterbrechen kann. Damit wird es auch handhabbarer. Die Bedingungen für die Organisierung von Beschäftigten der Hochschule sind nicht einfach: prekäre Beschäftigungsverhältnisse, Doppelabhängigkeit im Arbeitsverhältnis durch Professor*innen als Arbeitgeber*innen und Prüfer*innen, hohe Fluktuation und so weiter. Alles dicke Bretter, sodass es förmlich nach gewerkschaftlicher Organisierung schreit. Die Frage wäre: Für welches gemeinsame Thema würden sich Beschäftigte der Hochschule gewerkschaftlich engagieren und wie kann genügend Druck aufgebaut werden, um als Gewerkschaft auch durchsetzungsfähig zu sein? Die Themen der Studierendenschaft gehen auch weit auseinander, hier dürfte es kaum kollektivierbare Themen geben. Die Fluktuation ist ebenfalls hoch, der Druck und die Leistungsverdichtung haben zugenommen, sodass einfach weniger Zeit bleibt, um sich parallel politisch, gesellschaftlich oder sozial zu engagieren. Gerade deswegen halte ich gewerkschaftliche Organisierung für zwingend notwendig. Doch wie kann es als Gewerkschaft gelingen, in einem Feld mit hoher Fluktuation, konstante Angebote für die Beteiligung von Studierenden am gewerkschaftspolitischen Handeln zu schaffen? Diese Fragen nach den thematischen Anknüpfungspunkten an der Hochschule können wohl am besten die Beschäftigten der Hochschule und die Studierenden selbst beantworten. Auch was die Möglichkeiten zur Druckentfaltung betrifft, schlummert erfahrungsgemäß ein unheimlich kreatives Potenzial in den Aktiven. Ein erster Schritt wäre, sie persönlich zu fragen.

HIB-Klausurtagung 2014: Hochschulgruppen aufbauen

Die vielfältigen HIB-Veranstaltungen zu Themen wie Referendariat oder Praxissemester wurden bei der HIB-Klausurtagung am 29. und 30. Oktober 2014 erneut evaluiert. Zwar sind die Teilnehmerzahlen je nach Hochschulstandort unterschiedlich, in der Tendenz gehen sie jedoch zurück. Als eine Ursache für die sinkenden Quoten wurden die verbesserten Informationsangebote der Hochschulen ausfindig gemacht. Die Abfragen zeigten klar einen Trend hin zu Workshops, die den Berufsalltag, das Stimmtraining oder Konfliktmanagement in den Blick nehmen. Workshops dieser Art sollen deshalb zukünftig verstärkt angeboten werden. Die Teilnehmer*innen diskutierten zudem zielgerichtetere Strategien für die Ansprache von Studierenden an Infotischen oder bei Veranstaltungen. Der Workshop zu Aktivierung und Organisierung mit Pit Kunkel (ORKA) gab dabei gute Impulse. In Zukunft soll insbesondere der Netzwerkgedanke weiter verfolgt und an dem Aufbau gewerkschaftlicher Hochschulgruppen gearbeitet werden. 

Julia Löhr // In: Gewerkschaft & Wissenschaft 2-2014