Arbeitsplatz Inklusion

Vorsicht, Baustelle!

Das erste Schulhalbjahr mit dem neuen Rechtsanspruch auf einen Regelschulplatz für Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf ist vorbei. Noch immer herrscht an vielen Schulen Baustellenstimmung im gemeinsamen Lernen. Wo liegen die großen Schwachstellen? Was läuft schief in der politischen Planung?
Arbeitsplatz Inklusion

Foto: eyjafjallajokull/istock.de

Die Umsetzung der Inklusion in NRW hat sich rein quantitativ in den vergangen vier Jahren mit hoher Geschwindigkeit entwickelt.  2009 wurden nach Angaben des Schulministeriums 16.941 Schüler*innen inklusiv unterrichtet, in 2013 hatte sich die Zahl bereits verdoppelt und lag bei 35.532. Eine Entwicklung, die eigentlich zu begrüßen wäre, denn die GEW setzt sich für die Inklusion und das gemeinsame Lernen ein. Sie hat aber auch von Beginn an die dazu notwendigen Rahmenbedingungen eingefordert. Entgegen aller Versprechen werden diese aber vielerorts nicht erfüllt.

Mangel als Dauerzustand
An vielen Schulen reichen die Ressourcen nicht aus, Sonderpädagog*innen fehlen, die Vorbereitung und die Unterstützung für den Inklusionsprozess sind unzulänglich. Schulen starten ohne inklusive Konzepte, mit zu wenig Sonderpädagog*innen, zu wenig Doppelbesetzungsmöglichkeiten, zu großen Klassen und zu wenig Zeit für Unterrichtsvorbereitung und Beratung. Es fehlt an Unterstützung durch Schulaufsicht und Kommune, oft sind die Möglichkeiten den Schulen nicht bekannt. Damit ist die pädagogische Qualität in den Schulen gefährdet, die Lehrkräfte sind überfordert und die Kinder bleiben auf der Strecke.
Auch Eltern – zum Beispiel in Köln – stellen besorgt fest, dass in vielen Schulen, die sich jetzt für Kinder und Jugendliche mit Behinderungen öffnen, die Inklusion kaum oder nur mäßig gelingt. Unter dem Titel „Inklusion  gestalten!“ möchten die Kölner Eltern wissen, was geplant ist, um die Entwicklung jetzt in gute Bahnen zu lenken. Ihre Forderung: Wer Gesetze macht, muss auch für eine gute Umsetzung sorgen!

Inklusion braucht mehr!
Für die GEW NRW steht fest: Inklusion braucht mehr! Sie braucht verlässliche
Mindeststandards und Qualität, mehr Stellenressourcen für die Doppelbesetzung, für kleine Klassen, für Beratungszeit, für eine Vertretungsreserve. Zur Unterstützung brauchen die Schulen kommunale Fachzentren für inklusive Bildung. Bisher stand die quantitative Umsetzung der Inklusion im Mittelpunkt – jetzt muss es um die Qualität gehen! Das Schulministerium muss dringend nachsteuern, wenn Inklusion nicht vor die Wand fahren soll. Dabei sind die Lehrkräfte als Profis aktiv mitzunehmen und zu beteiligen.

Die Nachqualifizierung: Braucht NRW noch VOBASOF?
Mit der Umsetzung der Inklusion in der Regelschule steht Nordrhein-Westfalen vor einem Problem: Es fehlen Sonderpädagog*innen und es gibt auch nicht genug Studierende für das Lehramt Sonderpädagogik, für das ein hoher Numerus clausus besteht. Entwickelt und mit einer Verordnung geregelt wurde daraufhin die „Berufsbegleitende Ausbildung zum Erwerb eines Lehramts für sonderpädagogische Förderung“: VOBASOF.
Als Sondermaßnahme zielt VOBASOF darauf ab, einen qualitativen Beitrag zur Sicherung des Lehrkräftebedarfs für das Lehramt für sonderpädagogische Förderung in den allgemeinen Schulen und in den Förderschulen zu leisten. Innerhalb von fünf Jahren sollen so 2.500 Lehrkräfte nachqualifiziert werden. Teilnehmen dürfen Lehrkräfte, die an einer Förderschule oder einer allgemeinen Schule die Aufgaben einer Lehrkraft für sonderpädagogische Förderung übernommen haben.

Die Rechnung geht nicht auf!
Im Februar 2015 ist die sogenannte fünfte Kohorte in VOBASOF gestartet, doch auf eine Erfolgsgeschichte kann die Maßnahme bislang nicht zurückblicken: Die Teilnehmerzahlen sind deutlich zurückgegangen und die Quote der Teilnehmer*innen, die die Abschlussprüfung nicht bestehen, liegt höher als beim grundständigen Studium.
Nach Auskunft der Landesregierung meldeten sich im Frühjahr 2013 beim ersten Durchlauf der Maßnahme statt der 250 geplanten Teilnehmer*innen nur 208 Pädagog*innen für die Maßnahme an. 180 von ihnen meldeten sich ein gutes Jahr später zur Staatsprüfung an, nur 151 schlossen erfolgreich ab. Von ihnen sind zum Schuljahr 2014/2015 149 als sonderpädagogische Lehrkräfte tätig. Für die vierte Kohorte, die im August 2014 startete, meldeten sich nur noch 123 Teilnehmer*innen an.

Aus Fehlern lernen – nachbessern!
Die Gründe für den mäßigen Start von VOBASOF sind sicher vielfältig. Die Evaluation, die das Schulministerium zu dieser Maßnahme in Auftrag gab, liegt bereits seit Oktober 2014 vor, allerdings sind die Ergebnisse noch nicht veröffentlicht.
Aus Sicht der GEW NRW liegt ein wichtiger Grund für die relativ hohe Durchfallquote aus der ersten Kohorte darin, dass für die Teilnahme an der Maßnahme zu wenig Zeit eingeräumt wird. Die Bildungsgewerkschaft fordert deshalb eine Erhöhung der Anrechnungsstunden auf die Unterrichtsverpflichtung der Teilnehmer*innen von fünf auf zehn Stunden. Das insgesamt gesunkene Interesse an VOBASOF könnte außerdem einer Botschaft aus dem Schulministerium zu verdanken sein: Der Bedarf an nachqualifizierten Lehrkräften für Sonderpädagogik sei inzwischen gesunken.

Dr. Ilse Führer-Lehner // In: nds 2-2015