Auf dem Weg zum gemeinsamen Lernen

GEW-Inklusionskongress in Oberhausen

Debatte, Fortbildung, Gedankenaustausch – der Inklusionskongress am 27. Mai 2014 in Oberhausen bot den über 650 Gästen eine Plattform, um sich über Inklusion in Nordrhein-Westfalen und ihre Gelingensbedingungen zu informieren. Aber auch einen Ort, um Kritik und Sorgen zu äußern. Die von GEW und DGB ausgerichtete Tagung ist die bisher größte gewerkschaftlich organisierte Fachveranstaltung in diesem Feld.
Auf dem Weg zum gemeinsamen Lernen

Foto: B. Butzke

Ein kleiner König macht vor, wie Inklusion gelingen kann: Der junge Herrscher verwirklicht nach einigen genommenen Hürden seinen Traum vom Gemeinsamen Unterricht (GU). Damit den Traum auch alle zusammen leben können, müssen bestimmte Bedingungen erfüllt sein – klar, sonst klappt es nicht. Der Kurzfilm, produziert vom Arbeitskreis „Inklusion“ des GEW-Ortsverbandes Bordesholm, bildet den Auftakt zum ersten Inklusionskongress von GEW und DGB. Beim Publikum zeigt er große Wirkung: zustimmendes Nicken, Ja-Rufe und Applaus. „Kleiner König Inklusion“ spiegelt wider, was in vielen betroffenen Köpfen vorgeht. Aber was kann man tun, um die Geschichte des kleinen Königs zu verwirklichen? Und zwar so, dass die Rahmenbedingungen für alle stimmen? Genau um diese Frage dreht sich der prall gefüllte Tag.

Mammutaufgabe Inklusion
Hürden sind auf dem Podium der Luise-Albertz-Halle aufgebaut. Sie symbolisieren, dass es noch ein langer Weg ist, bis in Sachen Inklusion alles reibungslos läuft. Darin sind sich die Expert*innen und Referent*innen einig. Dorothea Schäfer, Vorsitzende der GEW NRW, macht deutlich: „Der Inklusionsanteil an den Schulen mag gestiegen sein, die Rahmenbedingungen müssen aber noch stark verbessert werden.“ Um die Mammutaufgabe Inklusion zu meistern, fordert die Gastgeberin entsprechend Zeit und vor allem personelle Ressourcen – 7.000 Stellen an der Zahl.
Eine „Herzensangelegenheit“ ist Inklusion für Dr. Ilka Hoffmann, Leiterin des Organisationsbereichs Schule beim GEW-Hauptvorstand. Mit den Erfahrungen aus ihrer Zeit als Lehrerin spricht sie den Gästen aus der Seele. Ebenso wie Elke Hannack, stellvertretende Vorsitzende des DGB. Für ihr engagiertes Grußwort, in dem sie Mut und Gesprächsbereitschaft im Inklusionsprozess fordert, erntet sie Beifall: „Das Ziel steht fest. Jetzt müssen wir den Weg Schritt für Schritt gehen, Hürden überwinden und Herausforderungen meistern, um am Ende zu einer inklusiven Gesellschaft zu gelangen. Wir brauchen einen grundlegenden Richtungswechsel. Dazu gehört unbedingt die Abschaffung des selektiven Schulsystems – denn was früh nicht getrennt wird, muss später auch nicht zusammengeführt werden.“

Worauf es ankommt!
Für Sylvia Löhrmann, Landesministerin für Schule und Weiterbildung, steht die Kommunikation im Fokus: „Der fachliche Austausch setzt neue Impulse, gibt Anregungen und zeigt Handlungsmöglichkeiten auf. Wenn wir gemeinsam die Inklusion erfolgreich gestalten wollen, ist es unverzichtbar, dass wir voneinander lernen und Beispiele vor Augen führen, wie gemeinsames Lernen umgesetzt werden kann.“ Laut der Schulministerin ist Inklusion – neben den vom Land getätigten Investitionen – vor allem eine Frage der Haltung. Für die Bildungsgewerkschaft ist es aber auch eine Frage der Rahmenvorgaben und der Zeit für Entwicklung. Die zentralen Gelingensbedingungen für Inklusion werden Sylvia Löhrmann fortan begleiten: Dorothea Schäfer überreicht ihr die rot gerahmte Resolution „Worauf es ankommt!“.

Anregungen für die Praxis
„Liebe alle!“ – mit der inklusiven Begrüßung eröffnet Prof. Matthias von Saldern, Mitglied des Fachausschusses Bildung der Deutschen UNESCO-Kommission, sein Referat. Hinter dem langen Titel „Inklusion als Chance: Anmerkungen zur Defizitorientierung in der Inklusionsdebatte“ verbirgt sich ein lebendiger Vortrag: Matthias von Saldern nimmt sieben defizitäre Behauptungen rund um Inklusion unter die Lupe – vom Inklusionsbegriff über das selektive Schulsystem bis hin zu Unterrichtsvorbereitung und Kosten. Er stellt anschaulich Lösungen vor, mit denen er zustimmende Rufe und rauschenden Applaus auslöst. „Die Präsentation von Matthias von Saldern war einfach großartig – er hat viele Aspekte mal auf andere Weise betrachtet und ich konnte ihm in vielen Punkten einfach nur zustimmen. Ich habe während des ganzen Vortrags immer gedacht, wenn das ginge, dann wären wir alle zufrieden“, sagt Anke Bussmann, Lehrerin an einer Recklinghauser Realschule, begeistert. Auch Sebastian Magin, Inklusionsbeauftragter am Städtischen Gymnasium Hennef, ist überzeugt: „Ich bin heute hier, weil sich unsere Schule auf den Weg zur Inklusion macht. Ich möchte mich über den Stand der Dinge informieren und mir Anregungen für meine eigene Arbeit holen. Der Vortrag hat mir viel Input gegeben.“
Nach dem dichten Morgenprogramm tauchen alle Anwesenden nun tiefer in die Inklusionswelt ein: In 18 Foren und an zahlreichen Infoständen thematisieren Expert*innen Chancen und Herausforderungen der Inklusion.

Kooperation im Kollegium
Als eine wesentliche Gelingensbedingung für Inklusion im Schulalltag ruft das Forum „Unterrichtsbezogene Kooperation von Regelschullehrkräften und Lehrkräften für Sonderpädagogik“ großes Interesse hervor – über hundert Teilnehmer*innen sitzen in den Stuhlreihen im Raum London. Referentin Ann-Katrin Arndt von der Universität Hannover, die Lehrkräfte an Schulen begleitet, gibt Einblicke in ihre Untersuchungen und macht deutlich, dass sich eine Schule nicht nebenbei auf den Weg zur Inklusion machen kann – und das betrifft vom Stundenplan bis zur Raumplanung die gesamte Organisation. Gemeinsame Gestaltung ist unbedingt notwendig. Sonderpädagogin Gerlinde Klein und Regelschullehrer Dirk Prinz von der Integrierten Gesamtschule Bonn-Beuel können das nur bestätigen: Die Kooperation im Kollegium benötigt mehr Stunden, die kaum in der Dienstzeit unterzubringen sind.
Wichtig für die gemeinsame Arbeit sei auch die Gleichberechtigung beider Lehrkräfte. Für die Bonner Schule ist das Thema Inklusion ein alter Hut: Bereits seit 1985 führt sie GU durch. So haben die Forenteilnehmer*innen die Möglichkeit, gezielt Fragen zur Umsetzung zu stellen. Sylvia Raabe von der Gesamtschule Viersen, für die 2015 die erste Inklusionsklasse ansteht, will wissen: „Macht es Sinn, möglichst viele Stunden in der Klasse zu unterrichten?“ Gerlinde Klein kann das nur bejahen: „Unbedingt, je kleiner das Team, umso einfacher die Absprachen. Bei uns haben wir zum Beispiel in den Regelklassen je zwei Tutor*innen.“

Schul- und Unterrichtsentwicklung
Dr. Bettina Amrhein von der Universität Bielefeld bestätigt, dass Lehrkräfte für das Thema Inklusion immer weniger zu begeistern sind: „Offensichtlich haben bereits Studierende eine konkrete Vorstellung davon, wie schwierig der Umgang mit Heterogenität ist. Schwierig ist es aber nur, wenn man sich an einer Schule nicht auf ein Ziel einigt. Um Konflikten vorzubeugen, hilft die Frage: Welchen Minimalstandard wollen wir erreichen? Daran sollte man sich orientieren.“
Auch die Forenteilnehmer*innen geben Einblick in eigene Erfahrungen: „Vor zehn Jahren kam das erste I-Kind zu uns, ein Autist mit einem IQ von 79, der 2013 sein Abitur gemacht hat“, erzählt Martina Seifert von der Lise-Meitner-Gesamtschule Duisburg. „Wir haben bei uns Mittel gefunden, um Inklusion und individuelle Förderung möglich zu machen und konnten über 20 interne Fortbildungen organisieren. 50 Prozent des Kollegiums waren von der Idee entflammt, die andere Hälfte war dagegen – wir haben es dennoch geschafft, zu kooperieren. Ich wünsche mir, dass die Steuerungsinstrumente mehr genutzt werden, um die Schulen zu entlasten.“

Inklusion als Mehrebenenansatz
Prof. Ulf Preuss-Lausitz von der Technischen Universität Berlin referiert zu den unterschiedlichen Gelingensbedingungen und Ralph Fleischhauer, Abteilungsleiter Allgemeinbildende Schulen im Schulministerium, berichtet über die Aktivitäten des Ministeriums. Es
entwickelt sich eine Diskussion, die bis weit in die Mittagspause dauert: Eine Förderschullehrerin erzählt von ihrer Arbeitsbelastung und der Vereinzelung an einer Grundschule. Ein weiterer Gast fordert mehr Transparenz vor Ort bei der Verteilung der Stellen aus dem Stellenbudget. Im Plenum ist man sich einig, dass die Gymnasien und Realschulen in den Inklusionsprozess eingebunden werden müssen, Sekundar-, Gesamt- und Hauptschulen können diese Herausforderung nicht alleine stemmen.

Didaktische Grundlagen
Im Saal Berlin ist der Andrang groß: Dr. Harry Kullmann von der Ruhr-Universität Bochum  erklärt, wie Unterricht gelingen kann, wenn er die einzelnen Lernfaktoren berücksichtigt. Dr. Michael Schwager ist Lehrer an der Gesamtschule Holweide in Köln und kommt aus der Praxis. Er weiß, wie Unterrichtsreihen didaktisch erfolgreich aufgebaut werden können.
Besonderes Augenmerk legen beide auf die Differenzierung der Aufgaben sowie die Leistungsbewertung und- rückmeldung.
In der Diskussion mit den Teilnehmer*innen geht es anschließend um die Frage, ob Notengebung überhaupt noch zeitgemäß sei. Kritische Anmerkungen kommen in Bezug auf die Rahmenbedingungen auf: Viele Kolleg*innen mit Erfahrung im GU wünschen sich für ihre Aufgabe mehr zeitliche Ressourcen und eine Verbesserung der Rahmenbedingungen. „Seit über 30 Jahren arbeiten wir inklusiv, doch unsere Bedingungen haben sich kontinuierlich verschlechtert. Wir fordern mehr Unterstützung und machen das in verschiedenen Protestaktionen auch klar deutlich“, sagt Sylvia Kurek-Fux, Lehrerin in Köln-Holweide.

Unterstützung durch Fortbildung
Marianne Middendorf und Franz-Josef Klingen von der Medienberatung NRW stellen die landesweite Qualifizierungsmaßnahme „Auf dem Weg zur inklusiven Schule“ vor. Nadja Brize ist Moderatorin für Inklusion im Kompetenzteam Herne und präsentiert ihre Erfahrungen im zieldifferenten Englischunterricht. Marcel Veber, Landeskompetenzzentrum für Individuelle Förderung an der Universität Münster, widmet sich der Professionalisierung und Kompetenzentwicklung von Lehrkräften an der Schnittstelle von individueller Förderung und inklusiver Bildung. In der Schlussdiskussion lautet der Tenor: „Fortbildung für Inklusion ist ,work in progress’, sie braucht Zeit, Raum und viele Ressourcen – gerade bei der Umsetzung im Fachunterricht ist noch viel zu tun.“

Inklusion in der Lehrer*innenausbildung
Für Bettina Streese von der Universität Bielefeld und Ulrich Wehrhöfer, Gruppenleiter Lehrerbildung im Schulministerium, steht fest: „Die Vermittlung des Know-hows zum Umgang mit Vielfalt ist im Kontext inklusiver Schulentwicklungen für jede Lehrkräfteausbildung unabdingbar.“ In diesem Zusammenhang wurde über den aktuellen Stand der Überlegungen der Kultusministerkonferenz (KMK) berichtet, nach denen sich die Standards für die Bildungswissenschaften bereits auf Inklusion hin weiterentwickelt haben. Die Anforderungen an die Fachdidaktiken sollen bis Ende 2015 überarbeitet werden. In NRW wird Inklusion auch Bestandteil der ersten und zweiten Ausbildungsphase sein. Auf das Spannungsverhältnis zwischen Inklusion und Sonderpädagogik ging Bettina Streese ein: Vor dem Hintergrund eines Projekts auf europäischer Ebene skizzierte sie ein Profil inklusionsorientierter Lehrkräfte, aus dem sich verschiedene Kompetenzbereiche für die Ausbildung ableiten lassen.

Umgang mit Verhaltensstörungen
Prof. Manfred Wittrock von der Universität Oldenburg betonte, wie wichtig die prozessbegleitende Fortbildung für den Umgang mit Verhaltensstörungen ist. Handeln ohne Verstehen sei nie optimal und löse keine Probleme: „Lehrer*innen müssen ein gutes und geeignetes Handwerkszeug für den Umgang mit herausforderndem Verhalten bekommen, genauso wie für verdeckte Verhaltensmuster. Fortbildungen müssen so gestaltet sein, dass Lehrkräfte auch die Grenzen ihrer Handlungsmöglichkeiten erkennen und akzeptieren.“

Schulleitungen gestalten Inklusion
Engagierte Schulleiter*innen, die gemeinsames Lernen fördern, sind eine der zentralen Gelingensbedingungen für den Reformprozess – die These Matthias von Salderns bestätigen auch die Teilnehmer*innen des Forums für Schulleitungen. Auch die Herausforderungen, mit denen sich Schulleiter*innen im anstehenden Reformprozess konfrontiert sehen, kommen zur Sprache. Dennoch: Auf die Frage „Welche Empfehlungen geben Sie Schulleitungen auf dem Weg zur inklusiven Schule?“ lautet die Antwort einer Arbeitsgruppe „Mach!“ – allen Hindernissen zum Trotz.

Es gibt viel zu tun!
Zu der Frage „Was bedeutet inklusive Bildung für die Gesellschaft?“ standen sich  Norbert Killewald, Beauftragter der Landesregierung für die Belange der Menschen mit Behinderungen in NRW, Christina Marx, Aktion Mensch, Dr. Karl-Heinz Imhäuser, Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft, sowie Dorothea Schäfer, Vorsitzende der GEW NRW, gegenüber, um ihre Standpunkte zu diskutieren. Andreas Meyer-Lauber, Vorsitzender des DGB-Bezirks NRW, betonte in der Runde: „Gewerkschaften spielen in dem historischen Veränderungsprozess eine große Rolle, weil sie die Menschen vertreten, die Inklusion umsetzen.“
Der Kongress hat gezeigt, dass Inklusion weiter viel Mut und Engagement erfordert, bevor der Traum vom kleinen König wahr werden kann. Vor allem die Einblicke in den Schulalltag haben bestätigt, was Dorothea Schäfer zu Beginn ankündigte: „Es gibt viel zu tun – und der heutige Kongress ist nur der Aufschlag für viele folgende Veranstaltungen rund um Inklusion.“

Worauf es ankommt!
Die GEW-Resolution „Worauf es ankommt!“ fasst die fünf zentralen Gelingensbedingungen auf dem Weg zur inklusiven Schule zusammen:

  • Die einzelne Schule muss sich entwickeln können.
  • Schulentwicklung benötigt klare Rahmenvorgaben und gute Steuerung.
  • Schulentwicklung benötigt systematische und institutionelle Unterstützung.
  • Zusätzliche Stellen statt Stellenabbau!
  • Mitbestimmung verbessert den Prozess.

Denise Heidenreich

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