Bildung ohne Geschlecht?!

Geschlechterrollen: Stereotype durchbrechen

Bei der Debatte um Inklusion in der Schule steht meist der gemeinsame Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderung im Fokus. Andere Kategorien für menschliche Verschiedenheit wie Ethnizität, Geschlecht oder soziale Herkunft werden schnell vergessen, obwohl sie in Bildungseinrichtungen auf die eine oder andere Weise immer wieder für Fragen und Herausforderungen sorgen. Deshalb zeichnet sich pädagogische Professionalität durch den kritischen und reflektierten Umgang mit sozialer Ungleichheit aus.
Bildung ohne Geschlecht?!

Foto: Sunny studio/fotolia.de

In bildungspolitischen Debatten hat die Frage nach Geschlecht in Erziehung und Unterricht zunehmend an Bedeutung verloren. Im 19. Jahrhundert wurde von der ersten Frauenbewegung noch um die Teilhabe an Schulbildung gekämpft. Als eine Lösung, um das Recht auf Bildung durchzusetzen, wurde auch die Einrichtung von monoedukativen Mädchenschulen für „höhere Töchter“ gesehen. Im Zuge der Bildungsreform in den 1960er Jahren wurden dann schließlich fast alle Schulen für beide Geschlechter geöffnet und auch an  Realschulen und Gymnasien Koedukation flächendeckend durchgesetzt. Mit Blick auf die Bildungsbeteiligung der Gesamtbevölkerung war diese Neuerung allerdings wenig einschneidend. Denn Grundschulen waren für alle Kinder offen und auch an Volksschulen, wo die deutliche Mehrheit der Jugendlichen ihre Schulzeit verbrachte, wurden Jungen und Mädchen von jeher gemeinsam unterrichtet.

Macht Schule Mädchen dumm?
Die bildungspolitische Zielsetzung der Chancengleichheit jenseits von Geschlecht und Herkunft schien sich mit der Auflösung des monoedukativen Schulwesens und der Einrichtung von Gesamtschulen endlich durchzusetzen. Doch in der Reformeuphorie wurden schnell kritische, zumeist feministische Stimmen laut. Erziehungswissenschaftliche Studien deckten die Benachteiligungen von Mädchen und den alltäglichen Sexismus in Kindergärten, Schulen und Universitäten auf, die besonders für Pädagoginnen Fragen aufwarfen und in Buchveröffentlichungen wie „Macht die Schule Mädchen dumm?“ und „Zurück zur Mädchenschule?!“ mündeten.

Sind heute die Jungen benachteiligt?
Nach der Jahrtausendwende wurde es keineswegs ruhig in der Debatte um die Bildung der Geschlechter, allerdings gab es einen grundlegenden Wandel. In der medialen Öffentlichkeit, aber auch in populärwissenschaftlichen Texten wurden nämlich plötzlich Jungen in den Fokus gerückt. Das schlechte Abschneiden von Jungen im Vergleich zu Mädchen bei Bildungsabschlüssen und Schulvergleichsstudien wie PISA führte dabei zu einigen verkürzten Schlussfolgerungen. Zunächst wird oft verschwiegen, dass teilweise erst die verbesserten Schulleistungen von Mädchen die gleichbleibenden Ergebnisse von Jungen schlechter erscheinen lassen. Doch Mädchen nehmen ihren schulischen Vorsprung keineswegs mit in den Beruf und Frauen werden trotz besserer Bildungsabschlüsse nach wie vor auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt. Eine differenzierte Betrachtung der empirischen Forschungsergebnisse zu Bildungsbeteiligung und -erfolg zeigt, dass Geschlecht kaum unabhängig von anderen Faktoren wie Schichtzugehörigkeit und Ethnizität betrachtet werden kann. Die Panikmache um Jungen als Bildungsverlierer entfaltet ihre politische Wirkung besonders in dem Vorwurf, dass gerade Lehrerinnen nicht die Bedürfnisse von Jungen in der Schule berücksichtigen würden. Mit kritischem Blick auf die Feminisierung von Bildung wird nicht nur die pädagogische Professionalität von weiblichen Lehrkräften angezweifelt, sondern auch die Forderung nach mehr männlichem Personal in Erziehungs- und Bildungseinrichtungen laut. Es ist erstaunlich, mit welcher Leichtigkeit bei solchen Forderungen pädagogische Kompetenz mit Zugehörigkeit zu einem Geschlecht gleichgesetzt wird. Außerdem wird auch nicht mitgedacht, dass selbst in Grundschulen Leitungsfunktionen und damit auch eine bessere Bezahlung weiterhin meistens in männlicher Hand bleiben.

Mädchen sind anders, Jungen auch
Eine Erziehung und Bildung ohne Geschlecht liegt aber ohnehin in weiter Ferne. So interessiert doch schon vor der Geburt eines Kindes die meisten, was es denn wird. Spätestens mit dem Eintritt in die Welt setzt sich die stereotype Zuordnungsmaschinerie in Gang: blaue Babydeckchen, Ritterburgen und Capt’n Sharky für die einen und rosa Haarspangen, Pferdchen und Prinzessin Lillifee für die anderen Kinder. In der pädagogischen Praxis lässt sich folgerichtig die sozial konstruierte Verschiedenheit der beiden Geschlechter kaum ignorieren und wird oft – wenn auch unbewusst – aufgegriffen. Zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen zeigen sehr eindrücklich, dass Lehrkräfte im Umgang mit Kindern geschlechtsbezogen differenzieren, auch wenn diese Pädagog*innen von sich selbst glauben, keine Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen zu machen. Auffallend ist, dass es in pädagogischen Kontexten aktuell wieder zu einer stärkeren Betonung von Unterschieden zwischen Jungen und Mädchen kommt. Die Differenzierung nach zwei Geschlechtern tritt dabei nicht nur im Spielwarenangebot hervor. Auch die Lebensmittelindustrie hat inzwischen Zweigeschlechtlichkeit als Verkaufsstrategie entdeckt, sodass neben Überraschungseiern und Teesorten für Jungen und Mädchen auch Chips für Männer und Frauen in Supermarktregalen zu finden sind. Selbst bei Schul- und Unterrichtsmaterialien ist die wachsende Geschlechterdifferenzierung nicht zu übersehen. So hat der PONS-Verlag mit der Begründung, auf die geschlechtsspezifischen Interessen von Kindern eingehen zu wollen, Aufsatzübungen und mathematische Textaufgaben explizit für Mädchen und Jungen herausgegeben. Bei den „100 Aufgaben, die Mädchen wirklich begeistern“ wird mit Tieren und Blumen gerechnet und gebastelt. Auf dem Buchcover ist die Erklärung „weil Mädchen anders lernen“ in einem rosa Button zu lesen. Bei den „Rechenübungen für Jungs“ steht nicht nur Sport thematisch im Vordergrund, sondern das aktive „Ballwurfrechnen“ wird als Lösungsweg für die mathematische Aufgabe angeboten.

Bildung mit vielen Geschlechtern
Im erziehungswissenschaftlichen Diskurs und in der pädagogischen Praxis galt es lange
als unstrittig, solche geschlechtsbezogenen Festlegungen und Stereotypisierungen zu vermeiden. Die neuen Tendenzen der Vereindeutigung von Jungen und Mädchen sind gefährlich, denn sie schränken den Entwicklungsspielraum von jungen Menschen erheblich ein und können auch zu geschlechtsbezogenen Benachteiligungen und Diskriminierungen führen. Stereotype Zuordnungen und Zuschreibung von zwei Geschlechtern halten sich auch deshalb so hartnäckig, weil Menschen immer wieder als Mädchen und Jungen adressiert werden und Geschlechtlichkeit damit überbetont und verallgemeinert wird. Die pädagogische Kunst liegt darin, Geschlechtstypiken nicht zu verstärken und zu dramatisieren, aber gleichzeitig den Handlungsbedarf in Bezug auf die soziale Ungleichheit von Geschlecht nicht zu verleugnen.

Heranwachsende brauchen zum Lernen vielfältige Lebens- und Geschlechtermodelle, damit sie für die Gestaltung ihres Lebens und der gesellschaftlichen Verhältnisse handlungsfähig gemacht werden. Da es eine Bildung ohne Geschlecht vielleicht nie geben wird, lohnt sich vielleicht das Bildungsziel einer Vielfalt von Geschlecht.

Ilke Glockentöger // In: nds 3-2015

Nachgefragt

Rita Hundt-Meyring ist Ansprechpartnerin für Gleichstellungsfragen, Mitglied im Landesfrauenausschuss der GEW NRW und ehemalige Personalrätin

Kinder und Jugendliche haben das Recht, sich unabhängig von Rollenklischees frei zu entfalten. Werden in der Umsetzung Fortschritte gemacht?
Rita Hundt-Meyring: Fortschritte machen wir nur langsam, weil eine grundlegende Sensibilisierung an Hochschulen, in Ausbildungsseminaren für Lehramtsanwärter*innen, Schulbuchverlagen und beim Übergang von Schule in den Beruf nur schleppend stattfindet. Die Gleichstellungsfrage in letzter Konsequenz nimmt hier noch keinen selbstverständlichen Stellenwert ein.

Geschlechtergerechte Bildung setzt voraus, dass von Schule ein Bewusstsein für Geschlechterfragen entwickelt wird. Kann das unter den institutionellen Rahmenbedingungen gelingen?
Es könnte mit mehr Zeitbudget, Entlastung des engagierten Personals – das heißt mit finanzieller Unterstützung durch das Ministerium für Schule und Weiterbildung – und vor allen Dingen dem gewollten Genderbewusstsein in der Politik gelingen.

Auch die einzelne Lehrkraft muss für das Thema Geschlechtergerechtigkeit sensibilisiert sein, um nicht ungewollt Rollenklischees zu verstärken. Welche Voraussetzungen müssen Lehrkräfte mitbringen, um dabei professionell zu handeln?
Spätestens in den Ausbildungsseminaren, besser vorher an den Hochschulen und weit davor in der Schule, sollte die Genderthematik eine wesentliche Rolle spielen. Hier schließt sich der Kreis: Nur so können junge Menschen auf die Gleichstellungspolitik vorbereitet und für sie ausgebildet werden, um sie später in der eigenen Berufswelt den Schüler*innen mit Überzeugung vorbildhaft vermitteln zu können. Das beginnt übrigens mit dem geschlechtergerechten Sprachgebrauch: Es gibt Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen und Lehrer.

Das Thema „Geschlechtergerechte Bildung“ wird häufig im Zuständigkeitsbereich der Ansprechpartnerinnen für Gleichstellungsfragen gesehen. Wie weit kann ihr Engagement gehen?
Das Engagement kann sehr weit gehen, soweit die diese Rolle von der Schulleitung und dem Kollegium akzeptiert und eine entsprechende Entlastung gewährt wird. Die Aufgaben können vielfältig sein: Im schulscharfen Einstellungsverfahren sollte die Schule schon in der Ausschreibung einer Stelle unter anderem den Fokus auf geschlechtergerechte Bildung setzen – das ist nur ein Beispiel aus den Empfehlungen des MSW zur Gleichstellung. Dieser Aspekt sollte sowohl im Schulprogramm verankert sein als auch in den Auswahlgesprächen eine Rolle spielen. Ansprechpartnerinnen für Gleichstellungsfragen können eine Fülle von Aufgaben wahrnehmen, dies jedoch nur mit einer entsprechenden Entlastung. Da sie laut Gesetz eine beratende Rolle der Schulleitung gegenüber einnehmen, darf die Entlastung meines Erachtens nicht zu Lasten des Kollegiums führen.

Die Fragen stellte Jutta Britze.