Bildung und Migration

Querschnittsanforderung an pädagogisches Handeln

Durch die Umstellung des politischen Selbstverständnisses der Bundesrepublik Deutschland auf ein eher republikanisches Staatsbürgerschaftskonzept und aufgrund der erst zu Beginn des 21. Jahrhunderts einsetzenden, offiziellen Anerkennung der gesellschaftlichen Migrationstatsache ist es möglich geworden, dass Fragen pädagogischer Professionalität in der Migrationsgesellschaft inzwischen als bedeutsame Querschnittsanforderung an pädagogisches Handeln begriffen werden. So bedeutsam und begrüßenswert dies ist, so problematisch ist allerdings die Art und Weise, wie dieser Zusammenhang nicht selten zum Thema wird.
Interkulturelle Brücken bauen

Foto: hydra/istock.de

Der öffentliche Diskurs konzentriert sich unter der normativen, freilich vagen Hinsicht „Integration“ weitgehend auf eine Frage: Wie können Bildungsdefizite von „Menschen mit Migrationshintergrund“ ausgeglichen werden? Dadurch trägt der Diskurs zur Bestärkung eines Schemas bei, das nicht nur überaus grob zwischen zwei Gruppen unterscheidet – Menschen mit und ohne „Migrationshintergrund“. Vielmehr erfindet er diese Gruppen und thematisiert damit paradoxerweise die unterschiedlichen migrationsgesellschaftlichen Positionierungen. Der so geführte Diskurs bestätigt die nicht nur abwegige, sondern auch gefährliche Vorstellung, dass jene „mit Hintergrund“ potenziell defizitäre Wesen seien, jene „ohne Hintergrund“ nicht.

Bildungskonzepte revidieren
Bei der Frage nach dem, was sich im Hinblick auf Fragen von Bildung in der Migrationsgesellschaft ändern sollte, geht es nicht darum, Menschen, die als „mit Migrationshintergrund“ gelten, zu fokussieren (und damit zu erfinden). Diese ausländerpädagogische, auf Förderung und Defizitkompensation ausgerichtete Zielgruppenorientierung wird zwei Erfordernissen nicht gerecht: Erstens müssen die notwendigen Veränderungen im Feld Migration und Bildung immer als notwendige Veränderungen der Bildungsinstitutionen gedacht und konzipiert werden. Zweitens geht das komplexe Feld Migration und Bildung mit Anforderungen einher, die alle Schüler*innen betreffen – nicht allein solche, die als „mit Migrationshintergrund“ gelten. In einer Gesellschaft, die in ihrer Pluralität zunehmend ins Bewusstsein rückt und die auch immer von
Migrant*innen geprägt und gestaltet wurde und wird, gehört die Revision von Bildungskonzepten zu den wichtigsten gesellschaftlichen Aufgaben der Gegenwart und Zukunft.

Bildungsbegriff neu denken
Im Zuge dieser Aufgabe ist der Bezug auf einen Bildungsbegriff vonnöten, der Bildung nicht reduktiv als Prozess versteht, dessen Ziel und Rechtfertigung in der Formung gesellschaftlich brauchbarer Subjekte besteht. Ein für migrationsgesellschaftliche Kontexte angemessener Bildungsbegriff verweist vielmehr auf einen erfahrungsbegründeten und erfahrungsreflexiven Prozess, in dem jede und jeder Einzelne lernt, sich zu kulturellen, gesellschaftlichen sowie politisch-ethischen Fragen zu verhalten und in diesem Handeln und Urteilen auf die Verhältnisse so Einfluss zu nehmen, dass weniger Gewalt gegen Andere notwendig ist. Bildung ist demnach zu verstehen als Vermögen, sich in einer Weise zu gesellschaftlichen Anforderungen – etwa danach ökonomisch brauchbar zu sein – zu verhalten, die am Maß der Minderung von Ungerechtigkeit orientiert ist und diese Anforderungen nicht schlicht erfüllt. Ein so gedachter Bildungsbegriff stellt eine Leitlinie auch zur Diskussion und zur Gestaltung des Zusammenhangs von Migration und Bildung dar.

Paul Mecheril // In: nds 1-2015