Fachlehrer*innen an Förderschulen

Gute Zeiten, schlechte Zeiten

Inklusion ist in aller Munde und viele weiterführende Regelschulen arbeiten bereits mit integrativen Lerngruppen. Fachlehrer*innen an Förderschulen könnten hier als Expert*innen wertvolle Erfahrung beisteuern, bisher bleibt ihnen dieser Weg jedoch verschlossen, während ihr Arbeitsfeld sich durch Abordnungen ins Gemeinsame Lernen immer mehr verändert. Wo haben die hoch qualifizierten Kolleg*innen weiterhin ihren Platz? Und wie werden sie vergütet?
Fachlehrer*innen an Förderschulen

Foto: Peogeo/fotolia.de

Seit Jahrzehnten arbeiten neben Sonderpädagog*innen nahezu gleichberechtigt Fachlehrer*innen an Förderschulen für Geistige Entwicklung, an Förderschulen für Körperliche und motorische Entwicklung sowie in der Frühförderung der Sinnesgeschädigten. Durch ihre beruflichen Qualifikationen haben sie dazu beigetragen, dass eine hohe Qualität der individuellen Förderung dieser Schülerschaft gewährleistet ist. In der Umsetzung ist dies nur möglich, weil sich Fachlehrer*innen ihrem Auftrag des Schulministeriums entsprechend und oft über das normale Maß hinaus in Unterricht und allen anderen Bereichen engagieren, zum Beispiel in der Förderpflege, im lebenspraktischen Training, bei der Freizeitgestaltung, in der Förderplanung, beim Erstellen der Zeugnisse.

Von bewährten Modellen profitieren

Die Qualität der Förderung der Schüler*innen wurde bisher durch ein multiprofessionelles Team von Sonderschul- und Fachlehrer*innen im Förderschulbereich erfolgreich gesichert. Viele Beschäftigte können sich darum vorstellen, dass die Arbeit im multiprofessionellen Team ins Gemeinsame Lernen übertragen werden kann. Einige Fachlehrer*innen wünschen sich einen Arbeitsplatz im Regelschulbereich, aber nicht um jeden Preis. Mit einer aussagekräftigen Arbeitsplatzbeschreibung für alle Betroffenen könnte die hohe Qualität, die an Förder-schulen erreicht wird, übertragen werden. Die Qualifikationen der Fachlehrer*innen  an Förderschulen sind vom Schulministerium im Gemeinsamen Lernen offensichtlich nicht erwünscht. Die regelmäßig abgeordneten Sonderpädagog*innen hingegen hinterlassen eine Lücke in den Förderschulen. Wer soll sie schließen? Sind hier wieder allein die Fachlehrer*innen gefragt, die dann noch weitere Unterrichtsbedarfe abdecken sollen? Fachlehrer*innen in Ausbildung müssen bei Unterrichtsbesuchen und in Prüfungsstunden vorhabenorientierten Unterricht zeigen, der wie selbstverständlich alle Fächer abdeckt. Soll damit das Problem der Abwanderung von Sonderpädagog*innen aus dem Förderschulbereich ins Gemeinsame Lernen kostengünstig gelöst werden? Immerhin versicherte Schulministerin Sylvia Löhrmann im April 2011 in einem Schreiben an den Arbeitskreis Fachlehrer*innen der GEW Bielefeld: „Fachlehrerinnen und Fachlehrer sind schwerpunktmäßig im Rahmen der Mitarbeit, bei der Durchführung von Unterricht oder bei der Wahrnehmung besonderer erzieherischer und pflegerischer Aufgaben, die sich aus den jeweiligen Vorgaben des Förderschwerpunktes oder durch den Ganztagsbetrieb ergeben, tätig.“ Bleibt zu hoffen, dass es sich hier nicht um ein bloßes Lippenbekenntnis handelt.

Förderschule als „Restschule“?

Das neunte Schulrechtsänderungsgesetz sieht in den Paragrafen 19 und 20 Änderungen in Bezug auf die sonderpädagogische Förderung vor, die für die Zukunft von Förderschulen und der dort Beschäftigten gravierende Folgen haben dürften. Besteht ein sonderpädagogischer Unterstützungsbedarf, schlägt die Schulaufsicht  gemäß Paragraf 19 Absatz 5 „den Eltern mit Zustimmung des Schulträgers mindestens eine allgemeine Schule vor, an der ein Angebot zum Gemeinsamen Lernen eingerichtet ist“. Durch diesen neuen Rechtsanspruch werden künftig  vermehrt Förderschüler*innen in Regelschulen abwandern. Hierdurch verändert sich nicht nur die Schülerschaft an Regelschulen, auch auf die Klassenzusammensetzung in den Förderschulen hat dies massive Auswirkungen. Soll die Förderschule zur „Restschule“ für verhaltensauffällige und schwerstmehrfachbehinderte Schüler*innen werden?

Orte der sonderpädagogischen Förderung sind gemäß Paragraf 20 Absatz 1:

  1. die allgemeinen Schulen
  2. die Förderschulen
  3. die Schulen für Kranke

Absatz 2 ergänzt: „Sonderpädagogische Förderung findet in der Regel in der allgemeinbildenden Schule statt. Eltern können abweichend hiervon die Förderschule wählen.“ Suggeriert wird hier eine Rangfolge, die Eltern vermitteln könnte, dass die allgemeinbildende Schule die bessere für ihr Kind ist, die Förderschule hingegen lediglich eine schlechtere Alternative darstellt.

Hoch qualifiziert – niedrig bezahlt

Bewerber*innen für die Fachlehrer*innenausbildung müssen eine abgeschlossene Berufsausbildung – zum Beispiel als Erzieher*in, Krankenpfleger*in, Ergo- oder Physiotherapeut*in – vorweisen und erlangen erst nach mindestens 18 Monaten praktischer Tätigkeit in einer Förderschule die Zulassung zur Ausbildung, ausgenommen von dieser Regelung sind Handwerksmeister*innen. Nach einer Ausbildungsdauer von weiteren 18 Monaten und dem Bestehen der Abschlussprüfung arbeiten Fachlehrer*innen als Angestellte und Beamt*innen. Aktuell werden sie bezahlt nach TV-L 9 oder A 9. Trotz der umfassenden Kompetenzen, die diese Beschäftigtengruppe mitbringt, gibt es jedoch seit Jahrzehnten keine positive Veränderung in ihrer Besoldung und Eingruppierung. Auch dem Antrag auf Beförderung wird so gut wie nie entsprochen. Immer wieder wird argumentiert, dass die Haushaltslage dies nicht zulässt. Betroffene werden wiederholt in Unterrichtsstunden beurteilt und haben trotz bester Eignung und Befähigung keine Aussicht auf eine Beförderung, weil nur eine  geringe Anzahl an Beförderungsstellen zur Verfügung steht. So bleibt eine den Leistungen entsprechende Bezahlung ein „Wunschtraum“.             

Carola Meyer-Bel Hadj, Sonja Ruhl

Fachlehrer*innen an Förderschulen: Expert*innen für Schüler*innen mit Förderbedarf

Anders als ihr Name es vermuten lässt, sind Fachlehrer*innen an Förderschulen keine Lehrkräfte für ein bestimmtes Fach. Im Gegenteil: Ihre Berufspraxis umfasst ein breites Spektrum und macht sie zu wichtigen Fachkräften für Förderschüler*innen, auch in der Inklusion. Ihre Bezahlung jedoch bleibt dahinter weit zurück. Fachlehrer*innen an Förderschulen arbeiten im Schulbereich mit geistig oder körperlich behinderten Schüler*innen sowie in der vorschulischen Erziehung von seh- oder hörgeschädigten Kindern. Sie blicken bereits auf eine oder mehrere Ausbildungen und Berufsjahre als Erzieher*in, Ergotherapeut*in, Diplom-Sozialpädagog*in, Handwerksmeister*in, Krankenschwester oder -pfleger zurück. Zusätzlich haben sie eine Berufsausbildung zur Fachlehrerin beziehungsweise zum Fachlehrer an Sonderschulen absolviert.

Die Ausbildung

Die Fachlehrer*innenausbildung findet sowohl im Studienseminar für das Lehramt für Sonderpädagogik, im Seminar für Schulpraktikant*innen als auch an einer entsprechenden Förderschule statt. Sie dauert eineinhalb Jahre, besteht aus praktischen und theoretischen Ausbildungsinhalten und endet mit einer schriftlichen, einer praktischen und einer theoretischen Prüfung. Die Ausbildung ist speziell auf die Förderbereiche Geistige sowie Körperliche und motorische Entwicklung zugeschnitten. Deshalb können Fachlehrer*innen ausschließlich in diesen Bereichen tätig sein.

Die Aufgaben

Die Tätigkeit von Fachlehrer*innen an Förderschulen für Geistige sowie Körperliche und motorische Entwicklung beinhaltet:

  • selbstständigen Unterricht (einschließlich Planung und Reflexion)
  • Fachunterricht in
  • selbstständigen Unterricht (einschließlich Planung und Reflexion)
  •  kleinen Gruppen und im Klassenverband
  • Ausarbeitung der Förderpläne und Zeugnisse
  • Erstellung von Lehrplanungen
  • Förderunterricht
  • Arbeitsgemeinschaften
  • pflegerische Tätigkeit
  • Elternarbeit
  • Teambesprechungen
  • Mentorenarbeit für Fachlehrer*innen und Praktikant*innen
  • Kooperation mit außerschulischen Institutionen

Die Forderungen

Fachlehrer*innen an Förderschulen sind hoch- und mehrfachqualifizierte Pädagog*innen, die nahezu gleichberechtigt mit Sonderpädagog*innen zusammenarbeiten. Eine Eingruppierung in Entgeltgruppe 9 des TV-L oder Beamtenbesoldung nach A 9 wird ihren Ausbildungen, Fähigkeiten und Leistungen nicht gerecht. Der Arbeitskreis Fachlehrer*innen der GEW in Bielefeld fordert deshalb

  • eine Bezahlung nach Besoldungsgruppe A 10 sowie TV-L-Entgeltgruppe 10 für alle Fachlehrer*innen an Förderschulen.
  • gleiche Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten für alle Lehrkräfte an Förderschulen.
  • die Möglichkeit eines sonderpädagogischen Aufbaustudiums (auch berufsbegleitend) ohne Zulassungsbeschränkungen.

In: nds 3-2015