Gleichberechtigung sieht anders aus

Landesfrauenausschuss der GEW NRW

Das Kopftuchverbot von 2006 wurde in den Schulen als Entlastung empfunden und auch der Landesfrauenausschuss der GEW NRW begrüßte die schulgesetzliche Regelung, weil sie die grundgesetzlich verankerte Gleichberechtigung von Mann und Frau sicherstellte. Das Bundesverfassungsgericht macht hier nun einen Schritt zurück – zugunsten von Glaubens- und Bekenntnisfreiheit. Wer entscheidet, was schwerer wiegt?
Gleichberechtigung sieht anders aus

Foto: Kzenon/fotolia.de

Dass das Kopftuch Ausdruck einer Ungleichbehandlung von Mann und Frau ist, zeigen die Erfahrungen einzelner Schulen und Kolleg*innen. Sie berichteten, dass das Tragen des Kopftuchs nicht nur eine religiöse Bekundung sei, sondern auch politische Haltungen und weltanschauliche Einstellungen symbolisch transportiere. Eine Grenzziehung sei in der täglichen Praxis nur schwer möglich. Schüler*innen würden seitens ihrer Familien mit mehr oder minder starkem Druck gezwungen, das Kopftuch zu tragen. Häufig sei ihnen die Teilnahme am Sport- und Schwimmunterricht untersagt oder nur eingeschränkt möglich, einige Eltern erlaubten ihren Töchtern die Teilnahme an Klassenfahrten nicht. In diesen Konflikten fordern viele Schüler*innen die Unterstützung ihrer Lehrer*innen ein. Inwieweit hier eine Lehrer*in, die selbst ein Kopftuch trägt, vertrauensvolle Unterstützung bieten kann, ist fraglich. Zu befürchten bleibt, dass sich die Konflikte durch die Vorbildfunktion kopftuchtragender Lehrer*innen sogar eher verschärfen.

Erschwerter Berufsalltag für muslimische Frauen
Nach dem pauschalen Kopftuchverbot in 2006 wandten sich jedoch auch muslimische Kolleg*innen an den Landesfrauenausschuss. Ihren Glauben, ihre Tradition und Kultur nicht durch das Tragen eines Kopftuchs während des Unterrichts zum Ausdruck bringen zu können, erschwere ihren Berufsalltag. Für einige bedeutete das Kopftuchverbot sogar die Aufgabe ihres Berufs oder Berufswunsches.

Politik ist gefordertDie Debatte ist mit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts erneut angestoßen – eine Debatte, in der es keine pauschalen Antworten geben kann. Wofür steht das Kopftuch? Ist es allein ein Zeichen eines islamischen Bekenntnisses? Welcher Islamschule und Auslegung folgt es? Ist sein Tragen religiöse Pflicht? Drückt es eine politische Haltung aus? Ist die Verschleierung der Frau ein Zeichen ihrer Unterdrückung und Rechtlosigkeit? Ist das Tragen eines Kopftuchs mit der Gleichberechtigung von Mann und Frau vereinbar? Antworten zu finden, ist jetzt Aufgabe der öffentlichen Schulen. Im Einzelfall sollen sie künftig klären, ob Kolleginnen, die im Unterricht ein Kopftuch tragen, die Neutralitätspflicht verletzen und eine konkrete Gefährdung des Schulfriedens darstellen. Eine Auseinandersetzung, mit der jahrelang Gerichte befasst waren, wird damit auf die Schulen verlagert. Wenn überhaupt, so ist diese Aufgabe keinesfalls mit „Bordmitteln“ lösbar. Hier ist Politik gefordert.

Jutta Britze // In: nds 4-2015