Inklusion in der beruflichen Bildung

Schulische Unterstützung ist zwingend notwendig!

In seinem Gutachten „Junge Erwachsene mit sonderpädagogischem Förderbedarf in den Berufskollegs“ empfiehlt Prof. Klaus Klemm, das System der Stellenzuweisung für Inklusion auch für Berufskollegs anzu­wenden. Die Jugendlichen seien auf eine kontinuierliche Begleitung angewiesen, den Lehrer*innen müsse dafür ausreichend Zeit bleiben, betont der Bildungswissenschaftler im nds-Interview.
Inklusion in der beruflichen Bildung

Foto: Besjunior/fotolia.de

GEW NRW: Was war der Gegenstand Ihres Gutachtens für das Schulministerium?

Klaus Klemm: Zum einen geht es in dem Gutachten um eine bildungsstatistische
Analyse der Situation der Schüler*innen an Berufskollegs, bei denen Förderbedarf in den Schwerpunkten Lernen sowie Emotionale und soziale Entwicklung diagnostiziert wurde. Zum anderen geht es um Empfehlungen für eine auf Inklusion abzielende Förderung dieser jungen Erwachsenen. 

Wie sehen die Kernergebnisse Ihrer Untersuchung aus?

Zu Beginn des Schuljahres 2012/2013 wurde an allgemeinen Berufskollegs und an den Förderschulen Berufskolleg in NRW bei etwa 4.500 jungen Erwachsenen Förderbedarf in einem der beiden Schwerpunkte diagnostiziert. Aus dieser Gruppe erlernten mit knapp 280 Schüler*innen sechs Prozent eine vollwertige Berufsausbildung. Weitere rund 1.800 Schüler*innen, also etwa 39 Prozent, erlernten Berufe mit reduzierten Ausbildungsinhalten gemäß der Paragrafen 66 Berufsbildungsgesetz und 42 Handwerksordnung (HwO). Dazu zählt unter anderem der Beruf Fachpraktiker*in im Verkauf, eine Ausbildung, die dem Ausbildungsberuf Verkäufer*in zugeordnet ist. Die überwiegende Mehrheit mit gut 2.440 Schüler*innen, immerhin 54 Prozent, lernte im Übergangssystem, jenem Teil des Berufsbildungssystems, der nicht auf den Abschluss irgendeiner Ausbildung vorbereitet. Mehr als die Hälfte aus dieser Gruppe wird innerhalb der allgemeinen Berufskollegs und in den Förderschulen Berufskolleg exklusiv unterrichtet. Die jungen Erwachsenen mit Förderbedarf bleiben also unter sich oder lernen gemeinsam mit anderen Jugendlichen ohne Berufsausbildung. Inklusion findet dabei zumeist in der Exklusion statt.

Welche Schlussfolgerungen sind aus dem Gutachten zu ziehen?

In NRW sind 2013 auf dem Ausbildungsmarkt insgesamt knapp 24.000 Bewerbungen um eine Ausbildungsstelle erfolglos geblieben. Es muss davon ausgegangen werden, dass Schüler*innen, die im günstigsten Fall über einen schwachen Hauptschulabschluss verfügen, auch in Zukunft keinen Ausbildungsplatz finden können. Eine auf Inklusion auch im Berufsbildungsbereich abzielende Politik sollte sich daher verstärkt auf den Artikel 27 der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen beziehen. Dieser Artikel garantiert einen wirksamen Zugang zu Berufsausbildung und Weiterbildung. Ich empfehle in meinem Gutachten, die anspruchsreduzierten Ausbildungsangebote nach Paragraf  66 BBiG und § 42 HwO auszubauen und so zu entwickeln, dass sie anschlussfähiger an Vollausbildung werden. Dafür müssen die Berufskollegs personell gestärkt werden. Die von mir präferierte Personalvariante geht von einer erforderlichen Stellenzuweisung im Umfang von etwa 700 Stellen aus Stellen, die für die zusätzliche schulische Unterstützung eingesetzt werden sollten. 

Die Fragen für die GEW NRW stellte Roswitha Lauber // In: nds 3-2015