Inklusion: lösungsorientiert denken und handeln

Veränderungsprozesse gesund gestalten

In der öffentlichen Diskussion um die schulische Inklusion dominiert momentan die Skepsis: Wird die schulische Wirklichkeit dem Anspruch der Inklusion gerecht werden können? Beanstandet werden insbesondere fachlich nicht ausreichend qualifiziertes beziehungsweise fehlendes Personal, zu wenig Vorlaufzeit und Handlungsdruck, fehlende bauliche und schulstrukturelle Voraussetzungen. Ohnehin gelten Lehrer*innen als gesundheitsgefährdete Risikogruppe wird sich die psychische Beanspruchung von Lehrkräften und Schulleitungen durch den Auftrag inklusiver Schulentwicklung zukünftig noch steigern?
Inklusion: lösungsorientiert denken und handeln

Foto: Contrastwerkstatt/fotolia.de

Bei Fortbildungen und Qualifizierungen ist deshalb neben thematischen Aspekten der Inklusion zunehmend auch die Frage relevant: Wie kann es gelingen, dass die mit der Inklusion gestellten Anforderungen nicht als Überforderungen erlebt werden?

Die Problemtrance: Vorsicht bei vermeintlichen Abkürzungen

Natürlich ist es sinnvoll, sich engagiert für die Verbesserung von Arbeitskontexten einzusetzen die Gesundheitsforschung spricht hier von der Verhältnisprävention. Veränderte schulpolitische Zielsetzungen wie die der Inklusion erfordern die Anpassung schulischer Verhältnisse und Arbeitsbedingungen. Die Einforderung von Ressourcen in Form von Personal, Zeitressourcen, baulichen und strukturellen Veränderungen für die Umsetzung schulischer Inklusion ist notwendig und berechtigt. Doch mit der ausgiebigen Beschäftigung mit Problemen und Kritikpunkten stellt sich früher oder später ein Phänomen ein, das in der Sprache systemischer Beratung eine Problemtrance genannt wird. Die Lösungsperspektive kommt abhanden. Allenfalls werden noch Notlösungen gefunden, kurzfristige Lösungen genau das ist aktuell an vielen Schulen der Fall.

Der Bezug zur Schulpraxis: Woran kann inklusive Schulentwicklung anknüpfen?

An jeder Schule gibt es positive Beispiele zur Umsetzung von Inklusion. Denn bei Inklusion geht es in erster Linie um den wertschätzenden Umgang mit Vielfalt und welche Schule hätte dazu keine Beispiele zu bieten? Ist es die gendersensible Haltung oder der positive Blick auf Unterschiede im Kollegium? Zeigt sich der wertschätzende Umgang mit Vielfalt an einer Schule im erfolgreichen Einsatz bestimmter Unterrichtsmethoden? Inklusive Schulentwicklung setzt an diesen Beispielen an. Inklusion und jegliche schulische Veränderung sind auf engagierte Beteiligung angewiesen. Deshalb sollte keinesfalls ausschließlich von der pädagogischen Arbeit mit den Schüler*innen her gedacht werden, sondern unbedingt auch von den Unterstützungsmöglichkeiten der Lehrkräfte und Schulleitungen. Worauf ist zu achten, welche Anregungen anderer Schulen lassen sich einbeziehen? Wie kann ein Kollegium für die anstehenden Aufgaben stark gemacht werden und wie kann man sich gegenseitig unterstützen? 

Ressourcenorientierte Fragen zur inklusiven Schulentwicklung lauten:

  • Analyse von Erfolgen: Was gelingt uns gut und warum?
  • Begriffsklärung Inklusion: Wo und wie setzen wir Inklusion bereits um?
  • Lösungsorientierung: Wie und worüber sprechen wir miteinander?

Die Warnung: Welche Fehlentwicklungen zeigen sich in der Praxis?

Aus der Problemtrance heraus werden an Schulen häufig prototypische Notlösungen gefunden. Diese sind nicht geeignet, um inklusive Schulentwicklung voranzubringen. Stattdessen müssen die ausgelassenen Schritte der Umsetzung später mühsam nachgeholt werden. Drei der vermeintlichen Abkürzungen sind:

  • Die vorschnelle Aufgabenverteilung, insbesondere die Rolle der Sonderpädagog*innen: Lehrkräfte der allgemeinen Schule sehen Sonderpädagog*innen oft in der Verantwortung für die SchülerInnen mit sonderpädagogischem Förderbedarf zugleich nehmen sie wahr, dass diese Rechnung nicht aufgeht. Die Kommunikation im Kollegium erlahmt oder eskaliert. Die Themen werden nicht konstruktiv bearbeitet und so kommt es zu personeller Fluktuation, Erkrankungen und Abgrenzungstendenzen gegenüber der Öffentlichkeit, beispielsweise gegenüber Eltern. 
  • Das rasche Erstellen eines Arbeitskonzeptes, das von der Arbeitsbelastung im Kollegium und den vermuteten Defiziten der Schüler*innen mit sonderpädagogischem Förderbedarf ausgeht: Sobald sich das Kollegium auf eine Umsetzungsstrategie geeinigt hat, ist an eine konzeptionelle Anpassung kaum noch zu denken. Eine ressourcenorientierte Haltung wird weder im Hinblick auf die SchülerInnen noch auf die eigene Situation eingenommen. 
  • Die Leitgedanken zur sonderpädagogischen Förderung werden aus dem alten System übernommen und soweit wie möglich an der allgemeinen Schule etabliert: Was sich an Schulen im Zuge der Inklusion positiv verändern könnte, wird nicht als inklusive Schulentwicklung verstanden. Es entstehen kaum Synergien, Entwicklungs­impulse für die allgemeine Schule bleiben aus. SonderpädagogInnen finden sich in der paradoxen Situation wieder, ihre Schulen aufzulösen, ohne eine Heimat an der neuen Schule zu finden.

Der Gesundheitsansatz: Wie sind Inklusion und Gesundheit verbunden?

Viele Anregungen zur ressourcenorientierten Umsetzung von Inklusion lassen sich aus der Frage ableiten: Was hält uns gesund? Die Frage zu beantworten, ist gar nicht so einfach. Leichter fällt es, die Ursachen und Erscheinungsformen von Belastung zu benennen. Daran sieht man deutlich, dass nicht die Lösungsperspektive, sondern die problem­orientierte Sichtweise das Dasein bestimmt. Sich dem Thema Gesundheit zuzuwenden, erschließt viele ungenutzte Ressourcen. Nicht zuletzt wird mit der Aufmerksamkeit für das Thema Gesundheit die Motivation geweckt, sich an inklusiver Schulentwicklung zu beteiligen. Zu einer gesundheitsorientierten Haltung gehört übrigens auch die Fähigkeit, manche Widersprüche zumindest vorläufig auszuhalten, die das Thema Inklusion momentan mit sich bringt, zum Beispiel Klassenwiederholung oder schulformbezogene Selektionsprozesse.

Der Ressourcenblick: Inklusion ressourcenorientiert umsetzen

Es gibt sie, die Perspektiven auf schulische Inklusion, die aus der Problemtrance herausführen. Fortbildungen und Literatur unterstützen Lehrkräfte an Schulen, die sich auf den Weg zur Inklusion gemacht haben. Berechtigte Fragen, kritische Kommentare und Befürchtungen sind dabei immer ernst zu nehmen. Doch es ist auch erlaubt, Gegenfragen zu stellen, Reflexionsmöglichkeiten und Zielperspektiven anzubieten. Ganz zentral ist zum Beispiel, dass zwischen der Problemtrance und der Lösungsorientierung unterschieden werden kann. Schulen können sich jederzeit bei Bedarf für den lösungsorientierten Weg inklusiver Schulentwicklung entscheiden, denn Lösungsorientierung ist eine unverzichtbare Ressource für inklusive Schulentwicklung.

Saskia Erbring // In: nds 4-2015