Lale Akgün: Warum das Kopftuch in der Schule nichts zu suchen hat

Fragwürdige Signale

Lale Akgün, stellvertretende europa- und migrationspolitische Sprecherin sowie Islambeauftragte der SPD-Bundestagsfraktion von 2002 bis 2009, und Ali Kizilkaya, Vorsitzender des Islamrats für die Bundesrepublik Deutschland, kommentieren die Debatte „Kopftuch in Schulen“.
Warum das Kopftuch in der Schule nichts zu suchen hat.

Foto: *paula*/photocase.de

Eine offene Gesellschaft muss ertragen, dass Menschen sich im öffentlichen Raum so kleiden wie sie wollen. Die frei wählbare Kleidung ist durch Artikel 2 des Grundgesetzes und das Recht auf die freie Entfaltung der Persönlichkeit abgedeckt. Das heißt auch, dass Muslim*innen auf der Straße ein Kopftuch tragen dürfen. Allerdings kann niemand erwarten, dass Verschleierungen wie Hijab, Nikab oder Burka als eine Bereicherung für unsere Gesellschaft gesehen werden müssen. Wenn es um Beamtinnen, um Lehrerinnen in der Ausübung ihres Berufs geht, sind Grenzen bei der Kleidungswahl angebracht.

Auch wenn Deutschland ein säkulares und religionsfreundliches Land ist – der Staat selbst hat keine Religion. Er muss sich religionsneutral verhalten und Äquidistanz zu allen Religionsgemeinschaften und Weltanschauungen wahren. Gleiches gilt für die Beamt*innen, die diesen Staat repräsentieren. Sie müssen zwar ihre eigene Weltanschauung nicht verleugnen, dürfen diese aber anderen nicht aufdrängen. Bis zu dem neuen Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 27. Januar 2015 mussten Beamt*innen auf Kleidung verzichten, die als Zeichen für eine bestimmte Religion gedeutet werden kann.

Schule ist in diesem Zusammenhang ein besonders sensibler Ort. Mit der Schulpflicht greift der Staat sozusagen in das grundgesetzlich verankerte Elternrecht ein, nimmt die Kinder für die Zeit des Schulbesuchs in seine Obhut und sorgt währenddessen für ihre Pflege und Erziehung. Im Gegenzug garantiert der Staat den Eltern, dass auf ihre Kinder kein Einfluss religiöser und politischer Art genommen wird. Religionsfreiheit beinhaltet eben auch die Freiheit von Religion, in diesem Fall für Kinder und Eltern. Ob die rote Bhagwan-Bekleidung oder das Kopftuch bei Muslim*innen – mit religiös motivierter Kleidung senden Lehrer*innen Signale und nehmen so insbesondere durch ihre privilegierte Stellung Einfluss auf die Kinder.

„Das Kopftuch ist nicht nur ein Stück Stoff, es sendet eine Botschaft."

Wer als Lehrer*in arbeiten will, muss in Kauf nehmen, dass ihr Recht auf religiöse Freiheit im schulischen Umfeld eingeschränkt ist. Es kommt nicht darauf an, was auf dem Kopf ist, sondern auf das, was im Kopf ist. Niemand sollte sich von diesem gern bemühten Spruch in die Irre leiten lassen. Das Kopftuch ist nicht nur ein Stück Stoff, es sendet eine religiöse und/oder politische Botschaft. Es symbolisiert zunächst das religiöse Bekenntnis der Lehrer*in, kann aber auch Zeichen des politischen Islam sein oder zumindest als solches gedeutet werden. Und vor diesem Hintergrund kommt es eben doch darauf an, was auf dem Kopf ist.Nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts kann ein Kopftuchverbot nur im Fall einer konkreten und nachgewiesenen Gefährdung der staatlichen Neutralität durchgesetzt werden. Und ja: Eine solche Gefahr ist schon gegeben, wenn Schüler*innen mit einer Lehrer*in konfrontiert sind, die ein Kopftuch trägt. Durch das Kopftuch einer Lehrer*in sehe ich die staatliche Neutralität verletzt.

„Mit unserem Verständnis von Gleichberechtigung ist das Kopftuch nicht zu vereinbaren.“
Der Grundgesetzartikel 3 Absatz 2 steht für eine völlige Gleichberechtigung von Mann und Frau. Mehr noch: Laut Grundgesetz soll der Staat die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern fördern und auf die Beseitigung bestehender Nachteile hinwirken. Das Kopftuch steht dem entgegen: In ihm manifestiert sich für sehr viele Muslim*innen und Nichtmuslim*innen die Ungleichheit von Mann und Frau, denn Muslim*innen begründen ihre Entscheidung für das Kopftuch damit, dass ihre Religion von ihnen verlange, ihre als aufreizend zu betrachtenden Haare vor den Blicken der Männer zu schützen. Diese Argumentation bedeutet: Frauen haben dem Manne zu dienen, sich ihm, seinem Willen und seinen Bedürfnissen unterzuordnen, sich passiv zu verhalten. Mit unserem Verständnis von Gleichberechtigung ist das nicht zu vereinbaren. Deshalb kann eine kopftuchtragende Lehrer*in kein Vorbild für junge Mädchen und Frauen und für ihr Streben nach Gleichberechtigung sein.  Lehrer*innen haben eine enorme Vorbildfunktion – ja, auch diejenigen, die „nur“ Englisch oder Mathematik unterrichten. Die Schule ist die wichtigste Next-Generation-Institution unserer Gesellschaft. Wer hier den betuchten Kopf in der Tür hat, hat gute Karten für die gesellschaftliche Meinungsbildung.

„Das Urteil ist ein fatales Zeichen für die Einwanderungsgesellschaft.“
Wenn das Kopftuch eine konkrete Gefahr für den Schulfrieden darstellt, soll im Einzelfall auch weiterhin das Kopftuchverbot greifen. Ich glaube, dazu wird es (leider!?) selten kommen, denn die meisten Eltern werden nicht gegen kopftuchtragende Lehrer*innen protestieren, sondern stattdessen andere Schulen für ihre Kinder auswählen. Wenn das eintritt – und das ist zu befürchten –, wird es zu einer Segregation der Schullandschaft kommen: hier die „Migrantenschulen mit Kopftuchlehrer*innen“, dort die anderen. Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts würde damit das Gegenteil von dem erreichen, was es vorgibt, erreichen zu wollen. Es ist somit ein fatales Zeichen für eine Einwanderungsgesellschaft.

Lale Akgün // In: nds 4-2015