Medien in Schule und Unterricht

Medienschule im Entwicklungsland NRW

Wenn die Schüler*innen vom Krupp-Gymnasium in Duisburg von ihren Auslandsjahren zurückkommen und nach ihren Erfahrungen an den Gastgeberschulen in Sachen Medien gefragt werden, bringen sie es in der Regel auf eine sehr einfache Formel: Dort gibt es Computer für alle Schüler*innen. Hier leider nicht.
Medien in Schule und Unterricht

Foto: Christian Schwier/Fotolia

Mit der Partnerschule im kaum 80 Kilometer entfernten Nijmegen in den Niederlanden kennen die Schüler*innen und das Kollegium des Krupp-Gymnasiums ein nahezu perfektes Beispiel im Bereich Medieneinsatz und -bildung: Dort gibt es eine Computerausstattung, die den Einsatz der Medien ganz selbstverständlich zur Verfügung hält, einschließlich der Betreuung durch vier an der Schule beschäftigte Techniker. Auch ein paar der niederländischen Kolleg*innen trauen sich den Einsatz der Medien in ihrem Unterricht (noch) nicht zu, aber die Voraussetzungen sind ganz andere. Von den Kolleg*innen erntet das Gymnasium im Ruhrgebiet entweder Unverständnis oder mitleidige Blicke: Wie kann ein Land mitten in Europa eine derart wichtige Sache so vernachlässigen? Wenn sich eine Schule trotz der unzureichenden Unterstützung auf den Weg macht, um Medienschule zu werden wie es das Krupp-Gymnasium tut, erlauben die vielen Erfahrungen mit der Zeit tiefere Einblicke in das strukturelle Dilemma.

Wir sind nicht alleinMan ist nicht allein, aber weitestgehend auf sich selbst angewiesen. Treffen, auf denen Fachleute der Universitäten und Schulen darüber diskutieren, wie Medienbildung voranzubringen ist, sind gut besucht. Bei den Schulträgern gibt es viel guten Willen und auch manch deutliche Expertise. Die Basis aber bilden Nothaushalte und Haushaltssperren, was schon einmal Gedanken an ein irgendwie hilfreiches Vorhalten von Technikerstunden weitgehend in den Bereich der Fantasie rückt.

Wir sind keine KundenSchulen sind für Unternehmen prinzipiell keine Kunden. Bis auf Randbereiche dürfen nicht sie das Geld ausgeben, sondern unter anderem nur die Kämmerer der Gemeinden. Als Kunde wird nur ernst genommen, wer auch bezahlen kann. Bezahlt wird aber von staatlichen Behörden im Bereich der Medienbildung für Hardware und zwar wegen der Nothaushalte und Sparsamkeitsauflagen nur das absolut Günstigste. Notgedrungen sind Kommunen aktiv und drücken mit allen Mitteln die Ausgaben auf ein Minimum. Gekauft wird nicht aktuellste Technologie, gekauft werden die Auslaufmodelle. Unternehmen stellen sich darauf ein. Es fehlen die „Geschäftsmodelle“ für Schulen wegen mangelnder Nachfrage und Gewinnaussichten.

Keine NachfrageSchultaugliche Geräte und Software in großer Stückzahl verkauft man in Singapur, nicht in Deutschland. Längst hat sich Deutschland zu einem Marktsegment in jenem Bereich entwickelt, in dem man in riesigen Technikmärkten an wohlmeinende Omas und Opas vor Weihnachten schnell ein paar Auslaufmodelle mit scheinpädagogischer Software für kleines Geld verramschen kann. Derzeit kommt schultaugliche Software eher aus Entwicklungsländern wie zum Beispiel Open Sankoré oder sie ist recht eng begrenzt auf bestimmte Geräte wie Smartboards. Es hat an gutwilligen Ansätzen von Herstellern, Softwareschmieden und Verlagen nicht gefehlt  immer scheiterte es an der fehlenden Nachfrage. Diese aber kann weder von den Omas und Opas noch von einzelnen Schulen erwartet werden. Sie muss durch staatliche Signale erzeugt werden.

Langsam wie SchneckenEine Schule, die sich auf den Weg begibt, findet einen Markt vor, auf dem sie von vornherein zu den Losern zählt. Das beginnt schon vor der Schultür: Während ein*e einzelne*r Nachbar*in der Schule mit Geschwindigkeiten von 50, 100 oder 200 Megabit pro Sekunde durchs Internet surft, sind 1.000 Schüler*innen gleichzeitig auf sechs begrenzt. Wohlgemerkt: Im Zweifelsfall müssen sie sich die Fußgängergeschwindigkeit auch noch auf weniger als ein Schneckenniveau teilen, während der Nachbar allein selbstverständlich auf der Autobahn fährt. Warum aber muss Schule auf den Markt gehen? Schule ist Teil der Infrastruktur eines Landes und wie leicht wäre es, den Dienstanbietern die Sicherung dieser Infrastruktur aufzugeben, das heißt, sie zur Anbindung der Schulen an die schnellstmögliche Internetverbindung zu verpflichten, bevor sie sie anderen verkaufen dürfen. Dann müssten sich zwar immer noch 1.000 Schüler*innen einen Anschluss teilen, aber der hätte zumindest die Chance, nicht als lächerliche Schnecke daherzukommen. Davon abgesehen wäre mehr selbstverständlich auch möglich.

Strukturelle HindernisseNicht allein wegen Geldmangels, sondern aus strukturellen Gründen sind die Schulen flächendeckend zu einer aktuellen Medienbildung kaum in der Lage, obwohl es viel guten Willen und positive Ansätze gibt. Es ist dann auch nicht verwunderlich, wenn LehrerInnen genau wie die Kinder frustriert über die Mediensituation in der Schule sind. Man macht sich nicht öfter als einmal mit fehlender Ausstattung, Geschwindigkeit und völlig veralteter Software lächerlich, wenn man nicht als Informatiklehrer oder anderer Ausnahmeathlet dazu gezwungen ist.

Ausblick durch ein schmales FensterWenn Schulen sich trotz aller Hürden auf den Weg machen, dann deshalb, weil derzeit noch ein Fenster geöffnet ist, das sich bald schließen kann: Computer muss man nicht mehr in die Schulen bringen, sie sind längst da. Längst hat so gut wie jede Schülerin und jeder Schüler ein internetfähiges Handy oder Smartphone in der Tasche, längst arbeiten die meisten Lehrkräfte mit Tablet oder Laptop. Um mehr Computerbildung in die Schulen zu bringen, muss man sich von der Vorstellung lösen, man könne das einfach durch eine Erhöhung der Anzahl der Desktops pro Schüler*in in den Computerräumen bewirken. Die bereits vorhandenen Geräte müssen in den Unterricht einbezogen werden, Schüler*innen und Lehrer*innen ohne solche Geräte brauchen Unterstützung. Dazu bedarf es in der Schule einer Infrastruktur, die die Einbindung in ein schulisch strukturiertes System ermöglicht. Es braucht eine WLAN-Verbindung ins World Wide Web! Das Konzept „Bring your own device“ (BYOD) das heißt, private mobile Endgeräte ins Schulnetzwerk zu integrieren – ist bereits erprobt und kann die obligatorischen erfolgreichen Beispiele vorweisen. Kommunen und Schulen müssen den Mut aufbringen, Reinvestitionen in eine veraltete Computerstruktur der Schulen umzuwidmen und die Infrastruktur zu schaffen. Das Fenster wird nicht mehr lange geöffnet bleiben. Die heute noch von den Schüler*innen mitgebrachten Geräte verfügen noch über eine (Bildschirm-)Tastatur zum Simsen und Tweeten. Sie sind prinzipiell vielfach noch mit Apps bestückbar, die für Unterrichtszwecke verwendbar sind  noch sind sie recht universell. Doch bereits jetzt zeigen sich andere Tendenzen: Eine Smartwatch oder iWatch kann zum Beispiel kaum noch eine für den Schulgebrauch angemessene Tastatur haben. Momentan können die Schulen in NRW den überfälligen Einstieg in eine aktuelle Medienbildung noch relativ einfach erreichen, wenn das System nur ein wenig umgestellt wird. Vonnöten ist dabei die aktive Unterstützung des Landes, die nicht nur darin bestehen kann, eine Neuauflage von Plattformen anzukündigen, die es längst gibt. Andere Bundesländer wie Niedersachsen spielen in der Frage eine aktive Rolle, statt sich auf die Haltung des Bedenkenträgers zurückzuziehen. Und die Geduld der Schüler*innen hat ihre Grenzen.

Peter Jöckel //  In: nds 1-2015