Plädoyer für die 30-Stunden-Woche

Arbeitslosigkeit ist kein Naturgesetz

Im Jahr 2013 haben gut 37 Millionen abhängig Beschäftigte 49 Milliarden Arbeitsstunden erbracht. Wären die knapp 2,9 Millionen registrierten Arbeitslosen und die 4,7 Millionen Unterbeschäftigten ebenfalls an den Arbeitsmärkten unter Vollzeitbedingungen nachgefragt worden, hätten weitere zehn Milliarden Arbeitsstunden Verwendung finden müssen. Dies verdeutlicht das ganze Problem: Ohne Arbeitszeitverkürzung mit einer kurzen Vollzeit für alle, wird es in Deutschland nie wieder Vollbeschäftigung geben.
Plädoyer für die 30-Stunden-Woche

Foto: parema/istockphoto.de

Dennoch geht in Deutschland die Arbeit nicht aus. Im öffentlichen Sektor gibt es viele Defizite in der Infrastruktur, im Bildungs- und Umweltbereich oder bei öffentlichen Dienstleistungen. Hier könnten gesellschaftlich sinnvolle Arbeitsplätze geschaffen und Arbeitsstunden absorbiert werden. In der privaten Wirtschaft dagegen wird viel überflüssiger Schrott produziert. Würden wir darauf zum Wohle der Umwelt verzichten, müsste die ausfallende Produktion zusätzlich durch Arbeitszeitverkürzungen aufgefangen werden. Der absehbare demografische Bevölkerungsrückgang wird die Lücke zwischen Arbeitsangebot und -nachfrage nicht schließen können. Zwar geht das gesamtwirtschaftliche Arbeitsangebot in den nächsten 20 bis 30 Jahren zurück, dies reicht aber nicht annähernd, um allen erwerbsfähigen Menschen in Deutschland Vollzeitarbeit zu bieten. Denn erstens: Wie schon in der Vergangenheit wird die Produktivitätsrate in der Wirtschaft höher ausfallen als die reale Wachstumsrate des Bruttoinlandsprodukts und damit das benötigte Arbeitsvolumen sinken. Und zweitens: Selbst wenn zukünftig diese beiden entscheidenden Raten gleich groß wären, könnte dennoch die seit Mitte der 1970er Jahre bestehende Massenarbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung nicht abgebaut werden.

Geißel Arbeitslosigkeit

Dies muss aber nicht sein. Arbeitslosigkeit ist kein Naturgesetz. Eine 30-Stunden-Woche für alle könnte entscheidend die „Geißel Arbeitslosigkeit“, die einen „Gewaltakt gegen Menschen“ (Oskar Negt) bedeutet, bekämpfen. Arbeitszeitverkürzung verbessert nicht nur die Arbeitsbedingungen ohne Burn-outs, sondern beendet auch die Exklusion der Arbeitslosen aus der Gesellschaft, ihr Minderwertigkeitsgefühl, ihre Scham, und bringt sie wieder in Arbeit und Brot. Auch kann durch Arbeitszeitverkürzungen die geschlechtergerechtere Aufteilung der Hausarbeit, der Erziehungs- und Pflegearbeit nachhaltig verbessert werden. Die Lebensplanung insgesamt erhält einen höheren Freiheitsgrad durch weniger fremdbestimmte Arbeit in Unternehmen und öffentlichen Einrichtungen. Nicht zuletzt brauchen wir eine Arbeitszeitverkürzung auch um mehr Zeit für ein gesellschaftliches und politisches Engagement zu haben.

Wer profitiert?

Und die Gesellschaft würde durch Arbeitszeitverkürzung von jährlich 50 bis 70 Milliarden Euro fiskalische Kosten, die durch die Massenarbeitslosigkeit entstehen, befreit. Wäre die Wirtschaft – nur für die Jahre von 2001 bis 2013 – vollbeschäftigt gewesen, hätte der Staat im selben Zeitraum nicht zusätzlich 625 Milliarden Euro neue Schulden machen müssen. Im Gegenteil: Die öffentlichen Haushalte hätten einen Überschuss in Höhe von gut 17 Milliarden Euro verbuchen können. Die wesentliche Ursache für Staatsverschuldung in Deutschland ist eben nicht ein angeblich verschwenderischer Staat, sondern die Massenarbeitslosigkeit. Die einzigen, die von Arbeitslosigkeit profitieren, sind Unternehmer und Kapitaleigner: Ein ständiger Überschuss an Arbeitskräften drückt die Löhne und hilft, die Wertschöpfung zu den Besitzeinkommen in Form von Gewinnen, Zinsen, Mieten und Pachten umzuverteilen.

Voller Lohnausgleich ist machbar

Rein ökonomisch wäre die Umsetzung von Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohn- und Personalausgleich ganz einfach. Wenn beispielsweise in einer Volkswirtschaft die Produktivität um zwei Prozent zulegt, kann auch der Lohnsatz um diese zwei Prozent steigen und gleichzeitig die Arbeitszeit um zwei Prozent gesenkt werden. Das bedeutet, die Beschäftigten behalten ihr Einkommen und arbeiten dafür in Höhe der Produktivitätsrate weniger. Durch die freigesetzte Zeit der Beschäftigten können dann Arbeitslose und Unterbeschäftigte eine Vollzeitstelle zu den gleichen Bedingungen erhalten. Das gesamtwirtschaftliche Ergebnis wäre nicht belastend, sondern lohnstückkostenneutral. Die Lohnkosten pro produzierte Leistungseinheit blieben konstant. Und das Schöne für Unternehmer: Auch ihre Gewinne steigen automatisch um zwei Prozent in Höhe der Produktivitätsrate.

Zeit für gerechte Umverteilung

Kritiker*innen sagen deshalb zu Recht, die Beschäftigten und Arbeitslosen finanzierten ihre Arbeitszeitverkürzung selbst. Es kommt in der Tat zu einer klassenimmanenten Umverteilung. Dies ist natürlich überhaupt nicht einzusehen: Auch die Besitzeinkommensempfänger haben sich zu beteiligen. Das müssen sie schon deshalb, weil in der Vergangenheit versäumt wurde, die Arbeitszeiten gemäß der gestiegenen Produktivität zu verkürzen. Die 30-Stunden-Woche wird sich daher heute nicht mehr innerhalb eines Jahres umsetzen lassen. Es werden mindestens fünf Jahre nötig sein, mit einer Verkürzung der Arbeitszeit um fünf Prozent in jedem Jahr. Um das zu finanzieren, wäre eine Produktivitätsrate von ebenfalls fünf Prozent pro Jahr nötig, die jedoch nicht realistisch ist: Von 2000 bis 2013 stieg die Produktivität im Jahresdurchschnitt nur um knapp 1,2 Prozent. Etwa vier Prozentpunkte müssten folglich aus Besitzeinkommen aufgebracht werden. Vor dem Hintergrund der gigantischen Umverteilung in Deutschland seit dem Jahr 2000 in Höhe von gut 1,1 Billionen Euro von den Arbeits- zu den Besitzeinkünften ist dies jedoch rein ökonomisch betrachtet  überhaupt kein Problem. Die Lohnquote müsste nur wieder ein Stück weit ansteigen. Das ist natürlich nicht im Sinne der Unternehmer und Kapitaleigner sowie ihrer Verbündeten in Politik, Wissenschaft und Medien. Wer Arbeitszeitverkürzung oder Lohnerhöhungen fordert, stellt die Machtfrage. Daher bedarf es eines breiten Gegenbündnisses von Gewerkschaften, Arbeitsloseninitiativen, Kirchen, Sozial- und Umweltverbänden, um die dringend notwendige kollektive Arbeitszeitverkürzung als gesamtgesellschaftliches Projekt umzusetzen. Der Erfolg wird davon abhängen, wie eine umfassende Aufklärung – eine ökonomische Alphabetisierung gelingt und wie eine intensive Debatte in Betrieben, staatlichen Verwaltungen und Bildungseinrichtungen, letztlich in der ganzen Gesellschaft geführt wird.

Prof. Dr. Heinz-J. Bontrup // In: nds 5-2014