Was die Zukunft bringt

Lehrer*innen und Schüler*innen an Hauptschulen

Der Vergangenheit nachzutrauern und sich an Zeiten zu erinnern, als die Hauptschule noch deswegen ihren Namen trug, weil die Hauptzahl der Schüler*innen nach der Grundschule in diese Schulform wechselte, hilft allen, die hier momentan tätig sind, relativ wenig. Höchste Zeit, sich den aktuellen Realitäten zu stellen und die Zukunft in den Blick zu nehmen.
Was die Zukunft bringt

Foto: L. Remainso/fotolia.de

Über das Ende der Schulform Hauptschule wird schon seit mehr als zwei Jahrzehnten diskutiert. Unter der schwarz-gelben Regierung wurde mit der „Qualitätsoffensive Hauptschule“ mit großem finanziellen Aufwand der Versuch gestartet, die Schulform aufzuwerten und ihre Akzeptanz zu erhöhen allerdings ohne nachhaltigen Erfolg. Im Gegenteil: Nie war der Abwärtstrend so stark wie in den letzten zehn Jahren. Während im Jahr 2005 noch fast 300.000, 2010 noch fast 200.000 Schüler*innen die Hauptschule besuchten, werden es im nächsten Schuljahr aller Voraussicht nach rund 100.000 sein. 

Leitlinien für auslaufende Schulen

Mehr als die Hälfte der aktuell knapp 500 Hauptschulen steht vor der Auflösung. Da bedarf es weder mathematischer noch hellseherischer Fähigkeiten, um eine Prognose für die Zukunft abzugeben. Deswegen kann die Frage nicht heißen „Weiter so?“, sondern: „Wie gestalten wir den Auslaufprozess?“ Nachdem sich 2011 CDU, SPD und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN auf Grundlage der Empfehlung der Bildungskonferenz im Schulkonsens auf die Errichtung von mehr Schulen des längeren gemeinsamen Lernens das heißt Sekundar- und Gesamtschulen und den Wegfall der Verfassungsgarantie der Hauptschule einigten, war es Ziel der GEW NRW und ihrer Personalvertretungen, die Folgen für die Beschäftigten an Hauptschulen zumindest abzumildern. GEW, VBE und der Hauptpersonalrat Hauptschulen nahmen Verhandlungen mit dem Ministerium für Schule und Weiterbildung (MSW) über die Zukunft der Hauptschullehrkräfte auf. Das Ergebnis waren im März 2012 die mit dem MSW vereinbarten „Leitlinien für Personalmaßnahmen bei der Auflösung von Schulen“.

Veränderung sozialverträglich gestalten

Zu Beginn gab es allerdings einige Probleme bei der Umsetzung vor Ort. Problemfelder waren unter anderem

  • die Durchführung der Interessenabfrage sowie die Erstellung und die Umsetzung von Stufenplänen
  • die einheitliche Erfassung der Wünsche der Kolleg*innen
  • die schulformübergreifenden Ausschreibungen von A-13-Stellen als erstes Beförderungsamt
  • die Schaffung von Perspektiven auch für die singulär an Schulen vertretenen Professionen (Schulsozialarbeiter*innen, Lehrkräfte für den Herkunftssprachlichen Unterricht etc.)
  • die Verfahren für den Umgang mit Lehrkräften mit anderen Lehrämtern wie beispielsweise der Primarstufe sowie mit Seiteneinsteiger*innen

Nachdem im Rahmen des Transformationsprozesses hin zu mehr Schulen des längeren gemeinsamen Lernens und zur Inklusion auch Realschulen und Förderschulen vom Schülerrückgang betroffen waren, wurden im August 2013 auf Grundlage der Hauptschulleitlinien mit allen Hauptpersonalräten, der GEW NRW und den meisten Lehrerverbänden die „Leitlinien für Personalmaßnahmen bei schulorganisatorischen Veränderungen“ vereinbart. Wenn man sich vergegenwärtigt, dass in jedem Jahr über 1.000 Kolleg*innen von Schulen des gegliederten Systems zu Schulen des längeren gemeinsamen Lernens wechseln müssen, wird die Mammutaufgabe für die Personalvertretungen und die Schulverwaltung deutlich: Die Wechsel müssen sozialverträglich geschehen und immer unter dem Aspekt, dass die verbliebenen Schüler*innen ein Anrecht auf die Sicherung der bestehenden Unterrichtsqualität haben. Um den Interessen der Lehrkräfte und dem Anspruch der Schüler*innen gerecht zu werden, sollte dort, wo es gewünscht wird, verstärkt von der Möglichkeit der Versetzung mit Rückabordnung Gebrauch gemacht werden. Entscheidend ist, neben den Personalmaßnahmen für die wechselnden Lehrkräfte auch für die verbliebenen Kolleg*innen eine Perspektive zu schaffen, die ihren Plänen und Vorstellungen möglichst nahe kommt. Auch wenn in Einzelfällen nicht alle Probleme gelöst werden können, haben sich die vereinbarten Leitlinien in dem Prozess als hilfreich erwiesen.

Hauptschüler*innen nicht zurücklassen

Da die Schulform Hauptschule schon jetzt nicht mehr flächendeckend im Lande vertreten ist, stellt sich darüber hinaus die Frage, was mit den Hauptschüler*innen geschieht. Sie haben ein Recht auf angemessene individuelle Förderung und werden zukünftig verstärkt zu Sekundar- und Gesamtschulen wechseln – dort treffen sie hoffentlich auch auf die vorhandene Kompetenz von erfahrenen Hauptschullehrkräften. Für die verbliebenen Hauptschüler*innen gilt der Grundsatz „Niemanden zurücklassen“ ganz besonders. Es ist deshalb unbestritten, dass die Kompetenzen der an den Hauptschulen tätigen Professionen auch an den Schulen des längeren gemeinsamen Lernens benötigt werden. Ausgebildete Hauptschullehrer*innen haben aufgrund ihrer teilweise jahrzehntelangen guten Arbeit unter schwierigen Bedingungen ein Anrecht auf eine sozialverträgliche Gestaltung des Veränderungsprozesses – so ist es auch in den Leitlinien vereinbart. Die Berücksichtigung ihrer individuellen Wünsche muss dabei einen hohen Stellenwert haben. Die Hilfe bei der Umsetzung und Realisierung ist die Hauptaufgabe der zuständigen Personalvertretungen in den verbleibenden Jahren.

Hans-Wilhelm Bernhard // In: nds 5-2015

Michael Liß, Hauptpersonalrat der GEW NRW und Schulleiter einer Hauptschule: „Schulleitungen auslaufender Hauptschulen haben eine vordringliche Aufgabe: Stabilisierung der dort noch lehrenden und lernenden Menschen! Schüler*innen, die sich noch ein zusätzliches Mal abgeschoben fühlen; Eltern, die um die Abschlüsse ihrer Kinder bangen; Lehrkräfte, die nicht wissen, woher sie die Zeit und die Kraft für die Aufgabe nehmen sollen und wo sie am Ende dieser Kärrnerarbeit landen werden. Unter den aktuellen Bedingungen ist es schwierig, allen gerecht zu werden. Die Leitlinien für auslaufende Schulen müssen vor Ort noch stärker greifen!“

Volker Maibaum, Personalrat der GEW NRW und Lehrer an einer Hauptschule:  „Wo es ein Oben gibt, muss es auch ein Unten geben, deshalb gibt es Hauptschulen. Die Hauptschule ist für die Eltern keine Wunschschule, sondern die einzige Option. Dadurch entstehen weder für die Kinder noch für die Beschäftigten gute Arbeitsbedingungen. Während sich die Kolleg*innen für unsere Kinder aufreiben, hat das gegliederte Schulsystem aus der Hauptschule ein sozialpädagogisches Betreuungsprojekt gemacht. Es ist richtig, die Schulform aufzulösen, und zwar schnell. Als Personalrat der GEW NRW kämpfe ich dafür, dass der Prozess sozialverträglich und transparent erfolgt.“

Marion Vittinghoff, Personalrätin der GEW NRW und Schulsozialarbeiterin an einer Hauptschule: „Als Personalrätin weiß ich, was zu tun ist, wenn eine Schule schließt. Aber bei meinen Kolleg*innen vor Ort sind die Sorgen größer: Sie haben Beratungs- und Informationsbedarf, sie sind unsicher und sie wissen oft nicht damit umzugehen, bis zum Schluss in der Schule zu bleiben. Hinzu kommt die Angst, danach nicht mehr wohnortnah eingesetzt werden zu können und vielleicht in der neuen Schulform unerwünscht zu sein. Ich unterstütze meine betroffenen Kolleg*innen vor Ort und versuche, ihnen die Sorgen zu nehmen!“