Wenn Sprache Welten schafft

Mehrsprachigkeit in der Schule

Ein Raum voller gespannter Zuhörer*innen, eine Bühne und neun mehrsprachige Schüler*innen. Sie alle denken, sprechen und schreiben in mehr als einer Sprache. Es ist der Tag, an dem sie ein besonderes Projekt präsentieren: ihre Geschichten, aufgeschrieben in einem gemeinsamen Buch.
Wenn Sprache Welten schafft

Foto: FikMik/ istock.de

Im Rahmen eines Seminars begleiteten und unterstützten zwölf Studierende ein Semester lang die Schüler*innen aus dem Förderunterricht der Universität Duisburg-Essen in ihrem Schreibprozess. Entstanden sind Geschichten, die authentisch und unverfälscht aus dem Leben der Autor*innen erzählen: das erste Verliebtsein, der erste Kuss, die erste Enttäuschung, aber auch die erste Trauer. Geschichten aus dem wahren Leben.

Schreibängste abbauen, Wortschatz erweitern

Die Studierenden wurden zu Beginn des Seminars sprachdidaktisch auf die gemeinsame Arbeit mit den Schüler*innen vorbereitet. Hierbei stand im Zentrum die Frage, wie ein kreatives Textprodukt gemeinsam entstehen kann. Das Buchprojekt „Wir erwachsen“ war das Resultat. „Es war sehr motivierend zu sehen, wie sich aus den einzelnen Charakteren im Laufe der Zeit tatsächliche Geschichten entwickelt haben“, erinnert sich Studentin und Mitherausgeberin Rahel Blase. „Am Anfang konnte ich mir das gar nicht richtig vorstellen.“ Das unter der Leitung von Ina Lammers und Gülsah Mavruk stehende Projekt gründete auf einem Peer-Konzept und ermöglichte das Schreiben auf Augenhöhe. Die 16-jährige Autorin Nergis berichtet, dass sie durch das Projekt Schreibängste abbauen konnte: „Ich habe mich beim Schreiben selbstbewusster als in der Schule gefühlt.“ Das entstandene Buch enthält vier Erzählungen, die zu einem Roman verschmelzen. Geschichtenübergreifend begegnen sich die Figuren und die Handlungsstränge sind miteinander verwoben. Finanziell wurde die Veröffentlichung von „Wir erwachsen“ durch das Projekt „ProDaZ – Deutsch als Zweitsprache in allen Fächern“ der Universität Duisburg-Essen ermöglicht. Für die Schüler*innen war das Projekt motivierend und ermutigte sie zum kreativen Schreiben. „Wenn ich schreibe, mache ich das jetzt ganz anders als vorher, auch wenn ich in der Schule Analysen oder Sachtexte schreiben muss. Die Student*innen, mit denen wir zusammengearbeitet haben, haben uns sehr bei unseren Schreibproblemen geholfen, bei Formulierungen zum Beispiel. Das hat sich positiv auf meinen Wortschatz ausgewirkt“, erzählt Eren. „Und ich habe jetzt sehr viel Spaß daran, mir Geschichten auszudenken. Das hatte ich vorher noch nie gemacht. Nach dem Projekt haben wir in der Schule eine Geschichte geschrieben und verfilmt. Da ist es mir viel leichter gefallen, mir eine Handlung auszudenken.“

Mehrsprachigkeit als Gewinn begreifen

Mehrsprachige Schüler*innen wie die aus dem Projekt „Wir erwachsen“ sind Teil der Debatte um sprachliche Bildung als Bildungserfolg. Sprachliche Bildung meint hier vor allem die Sprachkompetenzen von Schüler*innen in der Unterrichtsprache Deutsch. Welche Rolle dabei die Herkunftssprachen der Schüler*innen spielen, wird immer noch kontrovers diskutiert: Ist die sprachliche Bildung in allen „mitgebrachten“ Sprachen eine Ressource oder ein Hindernis für den Erwerb der Unterrichtssprache Deutsch? Sollte Schule die Vielfalt von Sprachen und Kulturen integrieren und zu einem Bestandteil des curricularen Rahmens erklären oder sollte sie sich ausschließlich auf die Förderung des Deutschen konzentrieren? Obwohl mittlerweile Studien belegen, dass Schüler*innen, die sich aufgrund ihres Migrationshintergrunds benachteiligt fühlen, in der Schule schlechter abschneiden, gilt an manchen Schulen immer noch die „Deutschpflicht“, sogar auf dem Schulhof. Die Berücksichtigung und Wertschätzung der individuell mehrsprachigen Sozialisation ist entscheidend für die persönliche Entfaltung und somit auch für den schulischen Erfolg von mehrsprachigen Schüler*innen. Das zeigte auch das Projekt „Wir erwachsen“: Mehrsprachiges und multikulturelles Denken und Schreiben gehörte hier selbstverständlich zum Arbeitsprozess dazu. „Ich konnte meine Vorstellungen vom Erwachsenwerden so wie es in meiner Kultur ist in meine Geschichte einbinden. Dabei habe ich manchmal auf Türkisch nachgedacht“, erinnert sich Nergis. „Das geht in der Schule nicht so einfach. Oft wollen Lehrer meine persönliche Geschichte nicht hören.“ Auch der 16-jährige Baris konnte seine eigene Lebenswirklichkeit, die durch seine Sprache und seine Kultur geprägt ist, in den Schreibprozess einbringen. Das Projekt hat ihn so in seiner Identität bestärkt: „Es ist meine Geschichte und ich konnte daraus machen, was ich wollte. Es gibt immer Menschen, die einen verändern möchten und die sagen: ‚Nein, das ist nicht gut an dir.‘ Nach dem Projekt ist mir klar geworden: Ich bin ich.“ Für die mehrsprachige Sozialisation und für schulischen Erfolg von mehrsprachigen Schüler*innen muss sich Schule von ihrem monolingualen Habitus distanzieren und mitgebrachten Herkunftssprachen und -kulturen einen diversitätsfreundlichen Raum bieten. Das Schreiben in allen Sprachen, die für die Schüler*innen einen emotionalen, sozialen und kognitiven Wert haben, muss gefördert werden.

Folgeprojekt in Planung

Die Vorbereitungen für das Folgeprojekt laufen bereits. Wieder werden Studierende ein Semester lang Schüler*innen begleiten und gemeinsam mit ihnen Texte für einen Poetry-Slam entwickeln. Diese werden dann am 10. Februar 2015 im Glaspavillion der Universität Duisburg-Essen vorgestellt. Auch Schüler*innen aus dem Projekt „Wir erwachsen“ werden wieder dabei sein. Eine von ihnen ist Nergis: „Ich freue mich sehr darüber, dass ich wieder mit Studierenden zusammen etwas erarbeiten und meine Kompetenzen erweitern kann.“

Tülay Altun // In. nds 1-2015